Fiktion und Nation : Warum die Palästinenser kein Volk sind

Die SPD und die Palästinenser sind immer für eine Überraschung gut. Beide zeichnen sich durch einen Mangel an Disziplin, einen fatalen Hang zur Selbstzerstörung und die Neigung aus, andere für ihr Unglück verantwortlich zu machen. Der Unterschied liegt im Prozedere. Während sich SPD-Leute die Parteistatuten um die Ohren hauen, gehen die Palästinenser mit Waffen aufeinander los.

Henryk M. Broder

Seit einem Jahr „regiert“ die Hamas in Gaza und hat so die „Zwei- Staaten-Lösung“ für Palästina verwirklicht, wenn auch etwas anders, als es zwischen Israel und der PLO in Oslo ausgehandelt wurde. Für eine Friedensregelung im Nahen Osten hätte das nicht unbedingt von Nachteil sein müssen, wenn die Hamas bereit und in der Lage wäre, das zu tun, wozu eine Regierung eigentlich da ist: sich um die Versorgung und das Wohlergehen der Bevölkerung zu kümmern. Diese Aufgaben überlässt die Hamas allerdings lieber den in Gaza tätigen UN-Agenturen und den NGOs und macht das, was sie am besten kann: die eigene Bevölkerung terrorisieren.
Denn außer dem Ziel, „die zionistische Besetzung Palästinas zu beenden“, hat die Hamas kein Programm, keine Vision und keine Existenzberechtigung. Da es aber mit der Befreiung Palästinas von der zionistischen Herrschaft nicht so richtig vorangeht, weil die Israelis stur und unkooperativ sind, wendet sich der Furor der Hamas nach innen. Die letzten Fatah-Enklaven in Gaza werden mit Gewalt geräumt, es findet eine kleine ethnische Säuberung statt.

Zum Wesen einer Terrorherrschaft gehört nämlich, dass sie sich durch Terror selbst erhalten muss, wenn sie nicht aus Mangel an Feinden kollabieren soll. Hätten die Nazis alle Juden in ihrem Herrschaftsbereich ausgerottet, alle Kommunisten, Sozialisten, praktizierenden Christen, Schwulen, Behinderten und Deserteure liquidiert, wären sie anschließend übereinander hergefallen, weil ein Leben ohne Kampf kein richtiges Leben gewesen wäre. Auch die Stalinisten und Maoisten hatten immer viel Spaß daran, ihre Reihen von Abweichlern, Verrätern und Renegaten zu säubern.

Würde es die Hamas schaffen, die Fatah auch in der Westbank zu entmachten, wäre dies nicht das Ende der Besatzung, sondern der Anfang zu einem blutigen Freistilringen mit fatalen Folgen. Nach einer kurzen Verschnaufpause würden sich die Differenzen innerhalb der Hamas in Gewalt entladen. Denn auch die Hamas ist keine homogene Truppe, sondern ein wilder Haufen aus Familien, Sippen und Stämmen, die sich gegenseitig nichts gönnen. Schon jetzt melden sich Randgruppen zu Wort, denen die Hamas-Führung nicht radikal, nicht islamisch genug ist.

Es ist nicht das erste Mal, dass Palästinenser aus Furcht vor anderen Palästinensern Zuflucht in Israel suchen. Doch die Bilder verletzter Fatah-Kämpfer, die in israelischen Krankenhäusern versorgt und wieder nach Gaza abgeschoben werden, weil die „Regierung“ in Ramallah sie nicht haben will, sind mehr als nur Momentaufnahmen aus dem nahöstlichen Absurdistan. Sie zeigen auch, dass die Palästinenser – allen Schwüren zum Trotz – kein Volk sind und keinen politischen Willen haben, eines zu werden.
So lange Jassir Arafat lebte, verkörperte er eine fiktive Nation auf dem Wege in die Unabhängigkeit. Dass er korrupt war und sich maßlos bereicherte, hat die Palästinenser nicht gestört, solange genug Brosamen von seinem Tisch für die zahllosen Bittsteller abfielen. Nach seinem Tod ist von der Nation nur die Fiktion übrig geblieben. Eine Fata Morgana, ein Fass ohne Boden, in dem seit Jahrzehnten Milliarden versickern.

Dass die Palästinenser 15 Jahre nach Oslo keinen eigenen Staat haben, hat nicht nur mit der Besatzung, sondern auch mit einer tribalistischen Tradition zu tun, die stärker ist als alle Bekenntnisse zur nationalen Einheit. So machen es Palästinenser den Israelis leicht und sich selber schwer. Und nun zurück zur SPD.


Der Autor ist Reporter beim „Spiegel“.

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