Politik : Fiktion

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Foto: WDR/Herby Sachs

Wir haben es schon öfter gehört: Fernsehserien sind im Begriff, dem Kino den Rang abzulaufen, als Gesprächsgegenstand, Zeitseismograf oder Taktgeber in Sachen Popkultur. Und wir haben schon häufiger beklagt: Das passiert nur in den USA. Dort werden unbändige Geschichten produziert, all diese Qualitätsserien: „The Wire“, „24“, „Sopranos“, „Breaking Bad“, „Lost“ oder „Six Feet Under“. Mit ein bisschen Kleinmut der Fernsehredakteure und Programmdirektoren landen sie manchmal hierzulande im Fernsehen. Spät am Abend, in Digitalkanälen versteckt. Nach dem Motto: „Das kann man dem Zuschauer nicht zumuten!“ Beispiel „Mad Men“ auf ZDFneo. Vor einem Jahr lief die dritte Staffel der mit Preisen überhäuften Serie über die Werberwelt im New York der 1960er Jahre aus. Und, was macht Don Draper jetzt, der kettenrauchende Womanizer mit dunkler Vergangenheit? Im Hotelzimmer eingeschlafen, für deutsche TV-Zuschauer zumindest. Auf die vierte „Mad Men“-Staffel können die lange warten. Merke: Wirklich gute Serienfiktion gibt es überall, im Internet, in den USA, in der DVD-Videothek, nur nicht im deutschen Fernsehen. Was soll’s, könnte man sagen, die Mehrfachrezeption via DVD eignet sich eh besser dazu, komplexe Zusammenhänge zu verstehen.

Deswegen muss das einfache, lineare Fernsehen aber nicht links liegen gelassen werden. Immerhin, ab Januar gibt es „Homeland“ auf Sat.1, ebenfalls hochgelobt, ebenfalls aus den USA. Aber warum kriegen wir eine Art deutsches „Mad Men“ nicht selber hin? Es gibt in Deutschland Autoren, die anspruchsvoll, unterhaltsam, überraschend erzählen können. Der Eifel-Krimi „Mord mit Aussicht“ ist ein positives Beispiel, von Dominik Grafs Mehrteiler „Im Angesicht des Verbrechens“ ganz zu schweigen. Sicher, in einer Serienproduktion der Pay-TV-Firma HBO steckt fast so viel Budget wie im Kinoblockbuster. Das sieht dann eben anders aus als „Soko Leipzig“. Trotzdem: ARD/ZDF haben das Geld. Wir zahlen Zwangsgebühren fürs Fernsehen. Wir haben ein Recht auf andere Fiktion als „In aller Freundschaft“, Degeto-Film oder Eventmovies mit den ewig gleichen Starschauspielern. Auf was anderes als ein „Tatort“ der XXL-Kategorie Til Schweiger.

Dazu kommt noch eine Grundmalaise: Deutschen Serien, aber vor allem 90-Minütern sind die Drehtage innerhalb weniger Jahre um ein Viertel gestrichen worden, von 28 auf 21. Einfach in der Produktion mal was draufpacken, ein, zwei „Tatorte“ weniger im Jahr, mutiger sein und nicht immer gleich auf die Quote schielen. Dann ließen sich fantastische deutsche Reihen und Filme entwickeln, abseits des Mainstreams, siehe „Kriminaldauerdienst“, „Blackout“ oder zuletzt den Fernsehpreisgewinner „Das Ende einer Nacht“, dem Justizdrama mit Ina Weisse. Es muss nicht immer Krimi sein. Markus Ehrenberg

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