Politik : Filbinger – ganz am Rande

Robert Birnbaum

Berlin - Er hat sein Foto endlich doch bekommen. Das, auf dem der alte Mann mit dem in 90 Jahren fest verankerten Dauerlächeln dem Jüngeren die Hand drückt, der an diesem Tag so ausgiebig lächelt, dass er doch jetzt kein anderes Gesicht aufsetzen wird. Die Kameras auf der Tribüne klicken wild: Horst Köhler schüttelt Hans Filbinger herzlich die Hand.

Der Mann, der die nachrichtenarmen Tage vor der Präsidentenwahl mit seiner gegenwärtigen Vergangenheit gefüllt hat, ist ansonsten nicht so recht beachtet worden in den zwei Tagen um die Präsidentenwahl. Recht allein hat Filbinger am Sonnabendabend im Palais am Funkturm gesessen, wo die Union schon mal vorab auf ihren Wahlsieg anstieß. Recht allein sitzt er auch im Reichstag, vierte Reihe von hinten. Die Nachbarn zur Rechten und Linken haben sich mit ihm nicht viel zu sagen; erst später wird Lothar Späth sich zu ihm setzen, der Nachfolger im Amt des Ministerpräsidenten in Stuttgart, und sich angeregt unterhalten. Als der Wahlmann Filbinger aufgerufen wird, zwischen Dr. Ingrid Fickler und Bodo Finger, erhebt er sich ein bisschen mühsam und wandert, auf den silbrigen Stock gestützt, durch die Reihen zur Wahlkabine, dann zur Wahlurne vor dem Rednerpult. Ein freundlicher alter Herr, von den Jahren gebeugt, so gar nichts von einem Mann, der als NS-Marinerichter rund um das Kriegsende herum noch Todesurteile gesprochen hat und daran bis heute nichts Falsches findet.

Dann, als sein Wahlbrief in der Urne liegt, steht er ein bisschen unschlüssig herum. In der ersten Reihe der Unionsbänke steht Edmund Stoiber. Filbinger streckt ihm die Hand hin, ein knappes Schütteln. Hinter ihm, den Rücken zugewandt, steht Angela Merkel. Sie dreht sich nicht um. Drei Schritte die Treppe hoch steht Horst Köhler. Der Greis wartet, bis der Weg frei ist, dann streckt er auch ihm die Hand hin. So hat er sein Foto bekommen.

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