Filbinger-Lob : Oettinger will in Israel nun alles richtig machen

Das Lob für den angeblichen NS-Gegner Hans Filbinger hängt dem baden-württembergischen Regierungschef Günther Oettinger noch immer nach. Seither zeigt er sich besonders sensibel.

Bettina Wieselmann[Jerusalem]

Es sind nur wenige Zeilen, die Günther Oettinger ins Gedenkbuch von Jad Vaschem eingetragen hat. Mit hörbarem Kloß im Hals liest er sie draußen vor der Halle der Erinnerung stockend vor: „Die Schoah verpflichtet uns, verpflichtet mich, in Gegenwart und Zukunft.“

An der Seite des Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Samuel Korn, und des deutschen Botschafters Harald Kindermann hatte Baden- Württembergs Ministerpräsident drinnen, wo nicht deutsch gesprochen werden darf, einen Kranz abgelegt – dort, wo die nie verlöschende Gedenkflamme und die in riesigen Buchstaben eingravierten Namen der 22 größten Konzentrationslager an die Ermordung der sechs Millionen europäischen Juden erinnern.

Zwei Stunden nahm sich der Ministerpräsident mit seiner fast 40- köpfigen Delegation für die Führung durch das Jerusalemer Holocaust- Museum. Sichtlich betroffen verharrte er immer wieder, auch ganz allein, vor dem beklemmend dokumentierten Grauen.

„Israel Reise 2008“ steht auf der purpurfarbenen Kopfbedeckung mit den Wappen Israels und Baden-Württembergs, die Oettinger vom extra angereisten Ulmer Stadtrabbiner Shneur Trebnik am Morgen vor Jad Vaschem in die Hand gedrückt bekam. Klar war von Anfang an: Das ist keine Reise wie üblich, um mit Unternehmern und Wissenschaftlern im Schlepptau für den Standort Baden-Württemberg zu werben. Und der Ministerpräsident weiß es nur zu gut: „Ich gucke doppelt hin, was wir beachten sollten.“ Angereist ist Oettinger mit schwererem Gepäck, als es deutsche Politiker bei Israelbesuchen ohnehin haben. Denn „gar nie“ (Oettinger) wird vergessen werden, wie er im April 2007 quälende sechs Tage brauchte, um sich klar von seiner unhaltbaren Trauerrede für den angeblichen NS-Gegner Hans Filbinger zu distanzieren. Einmal so in die Schlagzeilen geraten, sah sich der Ministerpräsident dann vor einem Jahr zu einer erneuten Notbremsung gezwungen, die viele freilich als Überreaktion empfanden: Nach massiver Intervention des Zentralrats der Juden drückte der Schirmherr des Landespresseballs in letzter Minute durch, dass dieser ohne Tanz stattzufinden habe. So unbemerkt wie unglücklich war der Ball lange zuvor schon (und nicht zum ersten Mal) auf den 9. November gelegt worden, den Jahrestag der Reichspogromnacht, als in Deutschland Synagogen brannten und jüdische Geschäfte verwüstet worden waren.

Seither hat Oettinger kaum eine Gelegenheit ausgelassen, sich besonders sensibel zu zeigen. Von der Rede zum Holocaust-Tag über die Grundsteinlegung der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg, die Einweihung der ersten jüdischen Grundschule in Stuttgart oder den Empfang zum 60. Jahrestag der Gründung des Staats Israel: Oettinger war stets zur Stelle. „Die Signale sind angekommen“, hatte man im Staatsministerium vor der Reise zufrieden festgestellt. In Israel sollen nun die Beziehungen vor allem auf dem Gebiet der Wissenschaft vertieft werden. Parallelen gibt es: „Auch wir sind ein Hochtechnologieland, auch wir haben exzellente Universitäten.“ An der Seite von Ressortchef Peter Frankenberg wollen Wissenschaftler in Oettingers Tross engere Kooperationen ausloten.

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