Filbinger-Trauerrede : Oettinger treibt Keil in die CDU

Baden-Württembergs Regierungschef Günther Oettinger provoziert mit seiner Trauerrede für den ehemaligen CDU-Ministerpräsidenten Hans Filbinger massiven Ärger nicht nur mit der Opposition, sondern auch innerhalb der eigenen Partei.

Stuttgart - Überraschend deutlich formulierte die CDU-Vorsitzende Angela Merkel ihr Missfallen über Oettingers Äußerungen und sorgte dafür, dass ihr Telefonat mit dem Parteifreund in Stuttgart auch öffentlich wurde.

Vermutlich wurde die Kanzlerin und amtierende EU-Ratspräsidentin nicht nur von den einhellig kritischen Kommentaren in den Medien zu diesem Schritt veranlasst. Merkel dürfte auch von den harschen Worten der Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, erfahren haben. Sie hatte Oettinger schon am Donnerstag vorgehalten: "Filbinger als Gegner des NS-Regimes zu bezeichnen, ist eine gefährliche und für die Überlebenden verletzende Perversion der historischen Realität." Tags darauf legte das international renommierte Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem nach: Die durch ihre Suche nach untergetauchten Nazi-Verbrechern bekannt gewordene Einrichtung forderte Oettingers Rücktritt.

Selbst innerhalb einzelner Parteigliederungen gehen die Meinungen weit auseinander: Während die Senioren-Union in Baden-Württemberg davon spricht, Filbingers Feinde würden noch nach dessen Tod ihren Hass "mit Schaum vor dem Mund" verbreiten, mahnt die Organisation der CDU-Senioren im Bund zur Zurückhaltung und erinnert an die "wahren" Widerstandskämpfer in der NS-Zeit. Dies zielt auf den heikelsten Punkt in der Oettinger-Rede. Indem er Filbinger zu einem "Gegner des NS-Regimes" erklärte, stellte er ihn gewollt oder ungewollt in eine Reihe mit Widerstandsgruppen wie der "Weißen Rose" um Sophie Scholl oder die Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944. Das hat die Gefühle der Angehörigen von Opfern der Nazi-Diktatur tief verletzt.

Oettinger gibt sich trotzig

Inzwischen wächst auch in den eigenen Reihen das Unverständnis über den Umgang Oettingers mit der massiven Kritik. So schlenderte der Regierungschef am Tag nach seiner Trauerrede mit seinem Sohn Alexander auf privater Tour durch das Vergnügungsgelände "Europapark" im südbadischen Rust und lehnte zunächst jede Stellungnahme zur Filbinger-Debatte ab.

Anschließend äußerte er dann fast trotzig in einem Radiointerview: "Meine Rede war öffentlich, ernst gemeint und die bleibt so stehen." Als sich tags darauf die CDU-Chefin in die Diskussion einschaltete, herrschte im Stuttgarter Regierungssitz Villa Reitzenstein dann wieder über Stunden Sprachlosigkeit. Ob sich Oettinger, wie das die SPD-Landesvorsitzende Ute Vogt wünscht, nun für die Rede oder Teile ihres Inhalts entschuldigt, ist ungewiss. (Von Edgar Neumann, dpa)

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