Finanzgipfel : Neue Weltfinanzordnung gesucht

Nach dem historischen Finanzgipfel in Bretton Woods vor 64 Jahren soll der G20-Gipfel ähnlich Revolutionäres anstossen: Einen Fahrplan für eine neue Weltfinanzordnung - der Ausgang des Gipfels ist aber ungewiss, zumal nicht Barack Obama, sondern George W. Bush die USA vertritt.

WashingtonMit enormen Hoffnungen auf einen Ausweg aus einer der größten Wirtschaftskrisen aller Zeiten blickt die Welt an diesem Wochenende zum historischen Finanzgipfel nach Washington. Dort wollen die Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) den Grundstein legen für eine umfassende Reform des schwer erschütterten globalen Finanzsystems.

Die Reformen sollen verhindern, dass sich eine Krise vom aktuellen Ausmaß wiederholen kann. Als Vorreiter sehen sich dabei die Europäer. Sie dringen auf eine umfassende und lückenlose Überwachung aller Bereiche der weltweiten Finanzindustrie. Als Hemmschuh gelten vor allem die Amerikaner. Dabei spielt auch eine Rolle, dass der künftige US-Präsident Barack Obama, der sein Amt erst im Januar antritt, an dem Gipfel in Washington nicht selbst teilnimmt.

Merkel: "Handlungsdruck groß genug um Nägel mit Köpfen zu machen"

Der scheidende US-Präsident George W. Bush hatte sich für eine Reform des Finanzsektors ausgesprochen, zugleich aber vor zu großen staatlichen Eingriffen gewarnt. "Die Geschichte hat gezeigt, dass nicht zu wenig Eingriff der Regierung in die Märkte den Wohlstand bedroht - sondern zu viel."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte vor ihrem Abflug in die US-Hauptstadt, der Handlungsdruck sei groß genug, um jetzt Nägel mit Köpfen zu machen. "Wir wollen in Washington erreichen, dass auf der Basis eines zu beschließenden Dokuments Arbeitsaufträge für die nächsten 100 Tage vergeben werden."

Im Gespräch ist ein baldiger weiterer Gipfel bis März, an dem dann bereits Obama den US-Part übernehmen würde. Für ihn sollen beim jetzigen in Washington die frühere Außenministerin Madeleine Albright und der ehemalige republikanische Kongressabgeordnete Jim Leach zu "inoffiziellen Treffen" mit G20-Mitgliedern zusammenkommen.

Peer Steinbrück dämpft Erwartungen

Die deutsche Wirtschaft hat große Erwartungen an den Gipfel. "Die Finanzaufsicht muss international optimiert, die Tätigkeit der Rating-Agenturen kontrolliert und die Transparenz von Finanzinvestoren erhöht werden", sagte Industriepräsident Jürgen Thumann.

Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) dämpfte allerdings die Hoffnungen auf konkrete Ergebnisse. Aus seiner Sicht wäre es ein Erfolg, wenn auf dem Gipfel das Mandat für einen "institutionellen und regulatorischen Rahmen" für die Finanzmärkte erteilt würde. Deutschland will sich auch für mehr Verantwortung von Finanzmanagern, ein Kreditregister und eine Risiko-Weltkarte zur Anhäufung riskanter Geschäfte einsetzen. Steinbrück sagte, im Frühjahr 2009 könnten dann Verkehrsregeln für die Märkte vorliegen.

Die EU und Russland erklärten indes, in Sachen Finanzkrise an einem Strang ziehen zu wollen. Trotz des Streits um Georgien einigten sie sich grundsätzlich auf eine gemeinsame Linie. Der russische Präsident Dimitri Medwedew und der französische Präsident Nicolas Sarkozy sagten beim EU-Russland-Gipfel in Nizza, beide Seiten hätten zu dem Treffen in Washington in fast allen Punkten identische Positionen. Die russischen Vorschläge zur Finanzkrise seien "von großer Qualität", sagte Sarkozy. Er sei "sehr zufrieden über den Willen der Russischen Förderation, starke Entscheidungen beim Gipfel in Washington zu treffen". (nis/dpa/AFP)

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