Politik : Finanzkrise: Rußland am Abgrund

MOSKAU/BERLIN (AFP/Tsp).Auf der Suche nach einem Ausweg aus der Finanzkrise hat Rußland am Montag die Schwankungsbreite des Rubel zum US-Dollar vergrößert.Damit machte die Regierung eine Abwertung des Rubels um die Hälfte möglich, der am Montag gegenüber dem Dollar um zwei Prozent an Wert verlor.Zugleich will Moskau drei Monate lang seine Auslandsschulden nicht bedienen.Die Krise führte auch zu einer Regierungsumbildung: Der Ultraliberale Boris Fjodorow wurde zum Vize-Regierungschef ernannt.

Die Entwicklung belastete auch die europäischen Börsen.Rußlands Präsident Boris Jelzin unterbrach seinen Urlaub für eine Krisensitzung im Kreml.Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) sagte, die Krise in Moskau gebe "Anlaß zur Sorge".

Ministerpräsident Sergej Kirijenko betonte, es handle sich um eine Anpassung und nicht um eine Abwertung des Rubel.Die Entscheidung sei wegen der niedrigen Ölpreise und dem andauernden Mißtrauen in die Entwicklung der Märkte in anderen Schwellenländern "unvermeidlich" gewesen.

Am Nachmittag reichte der Wirtschaftsberater Jelzins, Alexander Liwschiz, seinen Rücktritt ein.Er räumte laut der Nachrichtenagentur Interfax "einen Teil der Verantwortung" für die russische Finanzkrise ein.Liwschiz war von August 1996 bis März 1997 Finanzminister.Politische Beobachter werteten die De-facto-Abwertung am Montag als schweren Imageverlust für die Reformregierung.Die Duma, das russische Unterhaus, werde am Freitag zusammentreten und in der kommenden Woche weiter über das Krisenprogramm der Regierung beraten.

Eine Stabilisierung der Finanzlage in Rußland ist nach Ansicht von Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) nur möglich, wenn die Finanzmärkte und die Öffentlichkeit wieder Vertrauen in die Entwicklung des Landes fassen.Dazu sei es notwendig, das im Juli mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) vereinbarte Reform-Programm zügig umzusetzen, sagte Waigel am Montag in Bonn.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Lutz Hoffmann, sagte im Gespräch mit dem Tagesspiegel, die Währungsturbulenz sei ein Zeichen des Mißtrauens."Rußland muß die überfälligen Reformen energisch umsetzen, um glaubwürdig zu werden", fügt er hinzu.Auch Deutschland werde "schon sehr bald" unter der Krise leiden.Die deutschen Banken seien die größten privaten Gläubiger Rußlands."Jemand wird für die Kredite geradestehen müssen", vermutet der Wirtschaftsforscher."Aller Voraussicht nach wird der deutsche Steuerzahler bluten." Denn der Staat stehe mit den Hermes-Bürgschaften in der Pflicht.

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