Finanzkrise : Spanien ist Risikokandidat der Eurozone

Mit Spanien zählt nun auch ein ehemaliger EU-Musterknabe zu den großen Defizitsündern der Eurozone.

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Foto: dpaepa / REUTERS POOL

Menschenleere Straßen, halb fertige Wohnkasernen, der Lärm der nahen Autobahn hallt durch die nackten Rohbauten. Eine Geisterstadt symbolisiert Spaniens schwere Krise. Rund 40 Kilometer südlich der Hauptstadt Madrid ist, wie sonst nirgendwo, die ganze Misere auf einen Blick sichtbar: Erst wurde ohne Rücksicht auf Verluste gebaut. Dann, als der überhitzte Wohnungsmarkt zusammenbrach, traten die Spekulanten die Flucht an. Ließen ein Land in Ruinen zurück.

Eine neue Kleinstadt sollte hier entstehen. Mit 13 500 neuen Wohnungen und 40 000 Menschen. Heute hausen nicht einmal 2500 Bewohner in dieser Einöde. Weniger als die Hälfte der Wohnungen wurden von dem privaten Bauherrn, dem Immobilienlöwen Francisco Hernando, fertiggestellt. Die meisten Appartements stehen freilich leer. Investor Hernando schmiss, zermürbt vom spanischen Immobilienkollaps, die Brocken hin.

Immer mehr, immer größer, immer teurer. Diese Geschäftsphilosophie von Bauherren und Banken, die ein Jahrzehnt lang in Zusammenarbeit mit Rathäusern und Regierung das Land zubetonierten, konnte nicht ewig gut gehen. Es kam, was Wirtschaftsprofessoren voraussagten: ein Crash des Immobilienmarktes, mit einer Zerstörungskraft, wie sie Europa schon lange nicht mehr gesehen hat.

Mit dem Baukollaps, der durch die globale Finanzkrise noch verschlimmert wurde, starb der wichtigste Motor des spanischen Wirtschaftswunders. Spaniens Ökonomie und damit auch der Staatshaushalt stürzten über Nacht in ein tiefes Tal. So tief, dass Spanien, der frühere EU-Musterknabe, heute als einer der großen Defizitsünder zu den Risikokandidaten der Eurozone gezählt wird.

„Der eigentliche Brandherd ist nicht Griechenland, sondern Spanien“, warnt der Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Krugman. Wegen der Schulden (Neuverschuldung 2009: 11,4 Prozent), der Rekordarbeitslosigkeit von inzwischen 20 Prozent, nicht endender Rezession, fehlender Zukunftsinvestitionen, schwerer Strukturprobleme, mangelnden Reformwillens. Und wegen seines beträchtlichen Gewichts. Griechenland ist ein Zwerg verglichen mit Spanien, dessen Wirtschaftsleistung vier Mal größer ist. Eine spanische Stabilitätskrise würde die EU sehr viel heftiger treffen als im Fall Griechenland. Keine Sorge, hält Spaniens sozialdemokratischer Ministerpräsident Jose Luis Zapatero dagegen, er habe alles im Griff – auch wenn dies „keine leichten Zeiten“ seien. Die schwarzen Einschätzungen für das Sonnenland Spanien seien „völlig substanzlos“. Die „Stärke und Zahlungsfähigkeit“ des Königreiches „kann nicht in Zweifel gezogen werden“. Er macht eine Verschwörung von ausländischen Medien und Eurospekulanten für den Imageverlust seines Landes verantwortlich.

Spaniens König Juan Carlos initiiert derweil jenen Rettungsakt, auf den Millionen von der Krise getroffene Spanier seit Monaten gewartet haben: Er versucht diskret, einen Staatspakt zwischen der zerstrittenen sozialdemokratischen Minderheitsregierung und der konservativen Opposition, zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern zusammenzuzimmern. Juan Carlos: „Es ist die Stunde großer Anstrengungen und breiter Vereinbarungen gekommen, um gemeinsam und so bald wie möglich die schwerwiegenden Folgen der Krise zu überwinden.“ Doch die Opposition der konservativen Volkspartei (PP) lehnte die Offerte ab. Und auch die Gewerkschaften gehen auf Konfrontationskurs zum sozialistischen Regierungschef. Sie haben für den heutigen Montag zu landesweiten Demonstrationen aufgerufen, um gegen die Heraufsetzung des Renteneintrittsalters um zwei auf 67 Jahre zu protestieren.

Analysten sorgen sich um Spaniens Zukunft vor dem Hintergrund folgender Fragen: Wenn Spaniens bisher nur aus Ankündigungen bestehendes Reform- und Sparpaket nicht greift? Die Konjunktur nicht endlich anspringt? Die Schulden – wie bisher – mit Riesenschritten wachsen? Die nackten Zahlen verheißen nichts Gutes. 2007 glänzte das Königreich Spanien noch, als eines der wenigen Euroländer, mit einem üppigen Haushaltsüberschuss von 1,9 Prozent. 2008 schossen dann, durch gigantische Steuerausfälle und ungezügelte Ausgaben, die Schulden in die Höhe. Die Neuverschuldung lag plötzlich bei 4,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes und damit schon deutlich über der Eurostabilitätsgrenze von drei Prozent. 2009 lebte Spanien weiter über seine Verhältnisse. Die Quittung folgte auf dem Fuß: Die Neuverschuldung für 2009 wird bisher auf 11,4 Prozent geschätzt.

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