Finanzkrise : Tausende Isländer demonstrieren gegen Regierung

Ihren Ärger unterstrichen sie mit Tomaten, Eiern und Klopapier: In Island haben tausende Bürger wegen der Finanzkrise demonstriert und verlangten vorgezogene Wahlen. Für ausländische Bankkunden sieht es etwas besser aus.

Island Volkszorn
3000 zornige Isländer vor dem Parlament - immerhin ein Prozent der Bevölkerung. -Foto: dpa

Reykjavik/WashingtonMehr als 6000 Isländer haben in der Hauptstadt Reykjavik gegen die Folgen der Finanzkrise protestiert. Bei einer Kundgebung am Samstag vor dem Parlamentsgebäude des "Althing" verlangten Sprecher den Rücktritt von Ministerpräsident Geir Haarde wegen Untätigkeit und vorgezogene Wahlen. Teilnehmer der für das kleine Island ungewöhnlich stark besuchten Versammlung warfen Tomaten, Eier und Toilettenpapier.

Die 320.000 Bürger Islands sind nach dem Zusammenbruch der drei größten Banken von einem Staatsbankrott bedroht. Wichtigster Auslöser für den Zusammenbruch war die von den Banken über Jahre hinweg aggressiv betriebene internationale Expansion mit Hilfe von gewagten Krediten. Die Isländer haben derzeit mit einer Inflationsrate von 15 Prozent, Leitzinsen von 18 Prozent und einem dramatischen Anstieg der Arbeitslosenzahlen zu kämpfen.

Garantiezahlungen für britische und niederländische Bankkunden

Am Sonntag sagte die Regierung in Reykjavik Garantiezahlungen für britische und niederländische Kunden der zusammengebrochenen Internetbank Icesave zu. Nach der Einigung mit den beiden dortigen Regierungen und weiteren EU-Ländern kann Island in dieser Woche dringend benötigte Hilfskredite des Internationalen Währungsfonds (IWF) sowie einzelner Länder in Anspruch nehmen. Wegen der anfänglichen Verweigerung von Garantien hatte der IWF seinen vor knapp vier Wochen im Grundsatz bewilligten Kredit nicht gleich freigegeben. IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn kündigte am Rande des G-20-Gipfels in Washington die Bereitstellung von zwei Milliarden Dollar (1,6 Milliarden Euro) Kredithilfe für diesen Mittwoch an.

Außenministerin Ingibjörg Sólrun Gísladóttir teilte in Reykjavik mit, dass die niederländischen und britischen Einlagen bei Icesave umgerechnet 3,5 Milliarden Euro ausmachen. Die EU will Island mit Krediten helfen, um die Verpflichtungen gegenüber den ausländischen Bankkunden erfüllen zu können. Insgesamt hofft Reykjavik auf schnelle Hilfskredite von mehr als sechs Milliarden Dollar (4,8 Milliarden Euro).

Schicksal der deutschen Kunden ungewiss

Keine Angaben machte die isländische Regierung über möglicherweise ebenfalls erweiterte Garantien für 30.000 deutsche Kunden der zwangsverstaatlichten Kaupthing-Bank mit Einlagen von 300 Millionen Euro. Hier wurde bisher die Erstattung von Einlagen bis 20.000 Euro je Kunde nach isländischem Recht zugesagt. Zu den britischen und niederländischen Bankkunden hieß es, sie würden "in Übereinstimmung mit den Regeln für den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR)" entschädigt. Island ist nicht Mitglied der EU, gehört aber dem EWR an.

In Brüssel protestierten am Samstag mehrere hundert belgische Kunden isländischer Banken gegen den drohenden Verlust ihrer Einlagen. Im Bankenviertel von Zürich gingen am Wochenende auch Schweizer gegen die Verantwortlichen der Finanzkrise auf die Straße. Gewerkschafter und Parteiensprecher forderten eine "soziale Wende" und ein "Ende der Abzockerei". Die Polizei schätzte die Zahl der Demonstranten auf 900, die Organisatoren sprachen von 3500. (mhz/dpa)

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