Politik : Finanzminister Schleußer soll WestLB-Chef Neuber vor einer Durchsuchung gewarnt haben

Jürgen Zurheide

Kurz vor dem Ende der ersten Septemberwoche 1996 gab es im Beraterstab der Deutschen Bank einen Fehlalarm. Die Manager waren aufgeschreckt, weil sie davon gehört hatten, dass die Steuerfahndung in Düsseldorf für die Nacht vom 2. auf den 3. mindestens 80 Hotelzimmer gebucht hatte. Die Banker befürchteten, dass ihre Zentrale auf der Kö im Visier der Fahnder lag und ihnen bevorstand, was die Kollegen von der Commerzbank und der Dresdner Bank in den Jahren zuvor erlebt hatten: dort hatten die Steuerprüfer kistenweise Unterlagen weggeschleppt und hinterher mussten sich sowohl die Banker wie viele vermögende Kunden wegen ihrer Schwarzgeldkonten in Luxemburg verantworten.

Doch die Fahnder standen um zehn Uhr morgens - übrigens gemeinsam mit zahlreichen Journalisten - nicht auf der Kö, sondern vor der WestLB in der Herzogstraße. Wenig später war in etlichen Zeitungen zu lesen, dass Bankchef Friedel Neuber reichlich konsterniert verfolgen musste, wie die Fahnder sein persönliches Büro besetzten und selbst wichtige Telefonanrufe nicht durchstellen ließen. Mit dem Abstand von drei Jahren hat sich die Nachrichtenlage inzwischen verändert. Die Fahnder haben durchblicken lassen, dass die Bank klinisch gereinigt gewesen sei und Neuber nun überhaupt nicht mehr überrascht gewesen sei, ganz im Gegenteil: Er wusste alles und der entscheidende Tipp soll von Heinz Schleußer, seinem Freund und Düsseldorfer Finanzminister, gekommen sein. Die Staatsanwälte hoffen, das inzwischen nachweisen zu können und ermitteln gegen den dienstältesten Kassenwart der Republik. "Wir bejahen den Anfangsverdacht", formuliert Johannes Mocken gestelzt, der Sprecher der Düsseldorfer Anklagebhörde, die sich schon seit Jahren mit dem Verfahren gegen die WestLB wegen der vermeintlichen Steuerhinterziehung quält.

Sabine Wichmann schwört einige Eide darauf, dass Heinz Schleußer der Tippgeber für Neuber gewesen sein soll. Sie hat, mit drei Jahren Verspätung, jetzt vor den Ermittlern geplaudert und den Finanzminister belastet. Sabine Wichmann ist die Witwe von Peter Wichmann, dem "Piloten von Johannes Rau", wie einige Zeitungen nach dessen Tod 1997 titelten. Die junge Witwe steht damit im Zentrum der verschiedenen Düsseldorfer Affären, die zur Zeit ganze Stäbe bei der Staatsanwaltschaft und noch mehr Politiker in der Landeshauptstadt beschäftigen. Die Wellen dieser Aufgeregtheiten schlagen bis in das Präsidialamt, auch Johannes Rau muss sich in diesen Tagen gegen manchen Verdacht wehren: mal soll er auf Kosten der WestLB mit Wichmann an seine verschiedenen Urlaubsorte geflogen sein, dann wieder muss er sich rechtfertigen, weil die offizielle Feier zu seinem 65. Geburtstag großzügig von Freund Neuber gesponsort worden ist. Die CDU-Opposition freut sich über die Welle der Enthüllungen. "Es bleibt ein Bild von Nordrhein-Westfalen, wo Filz vorherrscht", analysiert CDU-Fraktionschef Laurenz Meyer.

Die Genossen haben diese Gefahr wenige Monate vor der Landtagswahl erkannt, sie holzen zurück. "Das ist eine politische Intrige", schäumt SPD-Fraktionsgeschäftsführer Edgar Moron. Bei der Motivsuche für die vielfältigen Versuche, Johannes Rau zu beschädigen, glaubt er an ein einfaches Strickmuster: "Die Ikone der CDU, Helmut Kohl, hat ein Problem, jetzt will man die Ikone der SPD, Johannes Rau, beschädigen." Heinz Schleußer und Friedel Neuber zählen zu den engsten Weggefährten des amtierenden Bundespräsidenten, sie gehörten zum inneren Zirkel der Macht im größten Bundesland. Selbst mit drei Jahren Verspätung hoffen die Unionisten darauf, bei den Wahlbürgern zu punkten, wenn sich die Genossen ständig gegen neue Filzvorwürfe verteidigen müssen.

So beschäftigt sich inzwischen ein Untersuchungsausschuss im Parlament mit den Flügen der Landespolitiker auf Kosten der WestLB. Sollte Johannes Rau die verschiedenen Fragen nicht ausreichend beantworten, wird er den Ausschuss im Schloss Bellevue empfangen müssen. Auch WestLB-Chef Neuber steht wegen dieser Flüge unter politischem wie juristischem Druck, denn die Staatsanwälte ermitteln gegen Unbekannt in seinem Haus. Durch den Privatflug von Schleußer an die Adria war aufgefallen, dass Peter Wichmann offenbar ständig überhöhte Rechnungen für seine Flüge geschickt hat. Das rief die Ankläger auf den Plan. Sie versuchen nachzuweisen, dass die Bank gezahlt hat, obwohl die falschen Rechnungen den Revisoren angeblich längst aufgefallen waren. Die Basis für diesen Verdacht, den die Bank naturgemäß bestreitet, ist allerdings dünn. "Wir haben das aus der Presse", musste Staatsanwalt Mocken zugeben. Auch in dem Hauptverfahren gegen die Bank haben die Fahnder Probleme. "Wir können weder sagen, ob wir anklagen oder einstellen werden", bilanziert Staatsanwalt Michael Schwarz, den drei Jahre Recherche und selbst die Durchsuchung der Privathäuser von Neuber und seinen Kollegen bisher nicht entscheidend weiter gebracht haben.

In diesem Umfeld ermitteln die Staatsanwälte jetzt gegen Heinz Schleußer. Die Witwe will davon gehört haben, dass Neuber den Termin für die Aktion am 3. September 1996 kannte. Ihr Mann habe ihr das erzählt, ein Copilot könne das bestätigen. Während Heinz Schleußer den Verdacht energisch zurückweist ("Das ist alles falsch") und auf schnelle Ermittlungen setzt, versuchen die Staatsanwälte, den Copiloten zu einer juristisch verwertbaren Aussage zu bewegen. Bisher hatten sie freilich keinen Erfolg.

Warum sie bei der Witwe mehr erreicht haben, könnte ein anderer Sachverhalt erklären. Seit Oktober hat Sabine Wichmann eine Millionenforderung des Finanzamtes auf dem Tisch, ihr schönes Erbe würde sich dadurch in Luft auflösen. "Sabine ist ganz fertig", berichtet jetzt eine Freundin. Seit Ende Oktober verschafft sie sich mit ihren Plaudereien etwas Luft.

Gegendarstellung
In diesem Beitrag heißt es unter anderem:"Seit Oktober hat Sabine Wichmann eine Millionenforderung des Finanzamtes auf dem Tisch, ihr schönes Erbe würde sich dadurch in Luft auflösen."Diese Behauptung ist unrichtig.Das Finanzamt macht gegen mich keine Millionenforderung geltend. Zudem gibt es kein Erbe, das sich durch eine angebliche Millionenforderung des Finanzamtes in Luft auflösen könnte.
Düsseldorf, den 06. Januar 2000
Sabine Wichmann

Wir sind nach dem Berliner Pressegesetz zum Abdruck dieser Gegendarstellung unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt verpflichtet.
Die Redaktion

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