Politik : Finnland

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Ville Hytönen,


Generation 25

Ach Europa und deren fettige Aquädukte,
die ganze Kanalisation,
in der Millionen Ratten sich lieben, Europa
all deine Hundekadaver und die vom Rauchen gelblichen Zähne
du verbeißt dich im Nacken des Zuhörers
und so neugierig, dass ich erwache vom Bahnhof in Helsinki

und wieder Schlamm, der vom Grund der Schwimmbecken entfernt wird
und Dreck! und Schleim! und die schöne Europa!

Ich kam hierher, in meinem Schoß
brennende Zweige des Szechuanpfefferbaums, Thyroxin
und Kokain auf dieser langsam rotierenden
Pritschenwagenfahrt, die Leber zerreißendes Sanhso,
Tee und loser Tabak

ich dreh mir aus einer Seite der gelbdeckligen Pappbibel
eine Fluppe und komme diese Nacht auf deinen Mond
nach Europa und all deine Ehebrüche
die großbrüstigen Venusse, wir bauen Fabriken
wir bauen ein Stethoskop, um uns selbst zu hören

denn wir wünschen uns Gesellschaft zum Plaudern,
wir schmecken noch das Fett
unter der Zunge, die Frühstückspartys
in der englischen Küche so als fräßen die Zwergmäuse Wirbellose und das tun sie doch, Freunde, ich nehme als Aperitif böses Blut
und trinke es wie im Flugzeug den Aquavit, ich fliege
zurück in den faulen Staat Dänemark
und treffe auf Streubomben und Biedermeier-Lyriker die auf ihren lyrikbezogenen Oberflächenhefesofas Süßkirschen zum Frühstück genießen
o pockennarbige Europa, ich bin bei meiner ersten Liebe.

Der Autor, Jahrgang 1982, wurde am 9. April dem Tag der finnischen Literatur geboren. Er ist Dichter, Sachbuchautor und leitet den Verlag „Savukeidas", den er 2001 gründete. Übersetzt aus dem Finnischen von Dr. Angela Plöger.

 

Dr. Anne Stenros,
Generation 50

Europa ist das Kind seiner Geschichte.
Europa früher und jetzt ist in der Zukunft gleichzeitig. Europas kulturelle Pfeiler – die Ecksteine seiner Vergangenheit 
und die Stärken seiner Zukunft
liegen im Erbe und in der Gelehrtheit der antiken Ästhetik,
im wissenschaftlichen Weltbild und in der Techno-Utopie,
in der gemeinsam geteilten und erlebten Geschichte
in Naturherkunft und Naturnähe.

Europa ist auch ein Kind seiner Zeit
– und zugleich in der Zukunft
sein Greisenalter.

Die Autorin, Jahrgang 1954, ist Design-Direktorin des KONE Konzerns. Übersetzt aus dem Finnischen von Dr. Angela Plöger.

 

Jörn Donner,
Generation 75

In meiner Kindheit und Jugend existierte Europa für mich nicht – mein Land kämpfte um das Überleben, nachdem es am 30. November 1939 von Stalin und seinen Divisionen angegriffen worden war – ein Krieg, der mit Unterbrechungen bis zum Herbst 1944 andauerte, als wir im Norden des Landes noch gegen die auf dem Rückzug befindlichen deutschen Truppen kämpfen mussten.

Später, als ich erwachsen wurde, war Westeuropa mein Europa. Ich hatte die Realitäten östlich des Eisernen Vorhangs gesehen, und sie waren deprimierend. Das Symbol für diesen Konflikt war Berlin, vor und hinter der Mauer. 1958 publizierte ich einen „Bericht aus Berlin“, in dem ich versuchte, die Notwendigkeit einer Entscheidung festzustellen zwischen dem „Osten“ und einem „Westen“, der zwar voller Unzulänglichkeiten war, aber auf der Idee individueller Freiheit basierte. Aus vielen Gründen ermöglichten die Veränderungen, die zwischen 1989 und 1991 in Europa stattfanden, es Finnland, sich der Gemeinschaft anzuschließen, zu der wir gehörten. Wir hatten im Schatten der Sowjetunion gelebt. Ich war lange ein Befürworter jenes Europas gewesen. Ich bin es immer noch.

Der Autor, Jahrgang 1933, ist Schriftsteller, Filmregisseur, Produzent und Politiker. Aus dem Englischen von Karin Ayche.

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