Politik : Fischen in der Geschichte

Wenn der deutsche Außenminister im Café zur Boston Tea Party gegen die USA aufruft

Clemens Wergin

Da ruft doch der deutsche Außenminister zur Revolution gegen Amerika auf – jedenfalls in einem Artikel des britischen Historikers Timothy Garton Ash. „Denken Sie nicht, dass wir eine neue Boston Tea Party brauchen?“, habe Fischer ihm gesagt, als sie beide im Café Orange in Berlin-Mitte über das amerikanisch-europäische Verhältnis sprachen. Das beschreibt Garton Ash für die britische Wochenzeitung „The Statesman“. Der Artikel erregte Aufsehen, über Englands Grenzen hinaus: Wird es jetzt nichts mehr mit der transatlantischen Entspannung? Sucht der mögliche neue Außenminister Europas einen weiteren Konflikt mit Amerika?

Als Fischer sich auf die Rebellion von 1773 im Hafen des amerikanischen Boston bezog, wird er das mit vertauschten Rollen gemeint haben. Denn damals begehrten die Amerikaner gegen die Steuerpolitik der britischen Kolonialmacht auf, warfen 50 hoch besteuerte Teesäcke in den Hafen und wollten fürderhin keine Abgaben mehr zahlen, wenn sie nicht auch eine Stimme im englischen Parlament bekämen. Heute sieht es umgekehrt aus. Schließlich wünschen sich die europäischen Partner, dass die Hegemonialmacht USA wenigstens zuweilen auf sie hört. Und wenn nicht, dann kann immer noch eine kleine Revolte helfen. Boston Tea Party nach Fischers Art.

Garton Ash pflegt das britische Understatement. Ach, Fischer habe die Worte doch „ganz eindeutig als Scherz gemeint“. Und außerdem habe Fischer ihn mit diesem Beispiel aus der Geschichte der britisch-amerikanischen Beziehungen nur aufziehen wollen. Die Aufforderung, die zweite Boston Tea Party zu veranstalten, sei ja weniger an alle Europäer gerichtet gewesen, sondern an die Briten. Auch in Fischers Amt wird die Sache nicht so ernst genommen. Das war doch nur ein privates Gespräch, wo man schon mal Dinge sage, die nicht wörtlich gemeint seien. „Sie wissen ja“, sagt Fischers Sprecher, „wenn der Außenminister ins Philosophieren gerät…“. Dass es sich um ein informelles Gespräch gehandelt habe, beweise schon Fischers Kleidung: „T-Shirt, Sandalen und Designer-Sonnenbrille“, schreibt Garton Ash.

Was die Frage aufwirft, in welchem Outfit Fischer wofür verantwortlich ist. Ist er Staatsmann nur im Zweireiher? Dann war der, der an jenem Junisonnen-Sonntag als Rebell erschien, nur ein Caféhausphilosoph. Eine Regierung in Sandalen gewissermaßen. Vor der muss Washington keine Angst haben: Die letzte Sandalen-Revolution der Geschichte war der Spartakus-Aufstand im alten Rom. Und das ist lange her.

Aber wahrscheinlich war Fischers Hinweis auf die Boston Tea Party ohnehin nur ein Beitrag zur transatlantischen Klimaverbesserung. Schließlich habe diese Revolte, so sagte Fischer zu Garton Ash, die britisch-amerikanischen Beziehungen nur verbessert – zumindest auf lange Sicht. Also abwarten und Tee trinken.

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