Fischerei : Fangquoten: Schleppender Schutz

Der EU-Ministerrat in Brüssel will die letzten Fangquoten für wichtige Speisefischarten festlegen. Helfen solche Begrenzungen im Kampf gegen die Überfischung?

Dagmar Dehmer
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Foto: ddp

Drei Viertel der weltweiten Fischbestände sind überfischt, ein Viertel steht sogar vor dem Zusammenbruch oder ist bereits kollabiert. In der Europäischen Union sieht es nicht besser aus. Nach Angaben der EU-Kommission sind in der Nordsee, der Ostsee, der Irischen See und westlich von Schottland 88 Prozent der Bestände unter Druck – und zwar nahezu alle dort vorkommenden Fischarten.

Das wäre Grund genug, über die Effizienz von Fischereiquoten nachzudenken. Doch vor zwei Monaten legten die Weltagrarorganisation (FAO) und die Weltbank gemeinsam eine Studie vor, in der sie nachwiesen, dass die viel zu großen und technisch zu weit aufgerüsteten weltweiten Fischereiflotten jährliche wirtschaftliche Verluste von 36,6 Milliarden Euro produzieren. Denn trotz dieser Aufrüstung stagnieren die gefangenen Fischmengen seit einem Jahrzehnt.

Die illegale Fischerei ist ein Grund für die Piraterie

Allein vor der westafrikanischen Küste zwischen Senegal und Mauretanien sind die Fischbestände auf ein Drittel geschrumpft. Ein Fünftel der in der EU an Land gebrachten Fische werden in Gebieten außerhalb Europas gefangen. Vor Westafrika sind es vor allem spanische, französische und portugiesische Fischer, die dort den Einheimischen die Fische wegfangen. Dort fischen aber auch chinesische, russische oder koreanische Fabrikfischer. An der illegalen Fischerei vor Somalia, die ein Grund für die zunehmende Piraterie in der Gegend ist, sind ebenfalls Europäer beteiligt.

Tatsächlich bemüht sich die EU-Kom mission seit Jahren, die gemeinsame Fischereipolitik zu reformieren und dazu beizutragen, dass überfischte Arten sich erholen können. Allerdings hatte das bisher keinen durchschlagenden Erfolg. Zum einen wehren sich die Minister der wichtigsten EU-Fischereinationen – Spanien, Frankreich, Großbritannien und Portugal – gegen Schutzzonen. Zum anderen konterkariert die EU-Subventionspolitik bei der Modernisierung und technischen Aufrüstung der Fischereiflotten die politische Zielsetzung direkt. Zwischen 2000 und 2006 weist die EU selbst für die Mitgliedstaaten ohne Rumänien und Bulgarien Fischereisubventionen in einer Höhe von 6,05 Milliarden Euro aus. Weltweit werden nach FAO-Angaben jährlich 22 Milliarden Euro für Fischereisubventionen aufgebracht.

Die EU-Kommission will mehr Schutz

Doch auch dann, wenn die EU-Kommission Dinge zum Besseren wenden will, scheitert das oft daran, dass es „gut gedacht, aber schlecht gemacht ist“, wie die Fischereiexpertin der Umweltstiftung Word Wide Fund for Nature (WWF), Karoline Schacht, anmerkt. Als ein Beispiel nennt sie eine Reform, die EU-Fischereikommissar Joe Borg (Malta) in der Ankündigung für den EU-Fischereirat als „leichter zu kontrollieren“ anpreist. Anstatt den Fischern „Tage auf See“ zu gewähren, sollen sie nun nach ihrer Maschinenkraft bewertet werden. Karoline Schacht wendet dagegen ein, dass zwar ein konventionelles Grundschleppnetz, mit dem die Fischer den Meeresboden regelrecht umpflügen und alles fangen, was noch lebt, rund zwei Tonnen wiegt. Um das zu schleppen, braucht ein Schiff eine entsprechende Maschinenstärke. Doch mit Netzen aus einem neuen Material ließe sich das Gewicht auf 500 Kilogramm senken. Die Fischer könnten ihre Motoren entsprechend drosseln und so die „gesparten“ Maschinenleistungen auf andere Schiffe ihrer Flotte umlegen. Im Ergebnis „hilft das nicht und wird die Menge des ungewollten Beifangs noch erhöhen“, sagt Schacht.

Dennoch sieht sie nicht nur schwarz, was den Fischereirat angeht, der noch bis zu diesem Freitag tagen wird. Denn die EU-Kommission hat in diesem Jahr lange und komplizierte Verhandlungen mit Norwegen geführt, weil ein Teil der EU-Flotte auch vor Norwegen fischt. Norwegen hat eine Reihe von Bedingungen gestellt, über die sich die Minister nur noch schwer hinwegsetzen können. Zum Beispiel bei der Jagd auf den Kabeljau. 2005 hat die EU erstmals einen mehrjährigen „Wiederaufbauplan“ für den Kabeljau in der Nord- und der Ostsee beschlossen, der zum 1. Januar 2009 ausläuft. Gebracht hat das nicht allzu viel. Denn in der Nordsee ist viel junger Kabeljau aus Beifang tot wieder ins Meer geworfen worden, und in der Ostsee haben illegale Fischer die bedrängten Bestände weiter dezimiert. Nur in der Nordsee gibt es Anzeichen einer Erholung, weil ein Jahrgang von Jungfischen größer ist als üblich. Das reicht der EU-Kommission, um die Fangquoten in der Nordsee wieder zu erhöhen. Allerdings gibt es eine Art Sicherheitsnetz: Zum ersten Mal können Fischer gezwungen werden, mit selektivem Fanggerät, also mit Netzen, die größere Maschen haben, aufs Meer zu fahren, wenn die Bestände eine Untergrenze erreicht haben. Sinken sie danach noch weiter, gilt automatisch ein Fangverbot für Kabeljau. Karoline Schacht fragt sich jedoch, wie die EU das kontrollieren will.

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