Fleischskandal in Lohne : Problemzone Gammelfleisch

Droht ein neuen Fleischskandal? Der Tatort: das niedersächsische Lohne. Das Vergehen: Eitrige Schweineköpfe sollen zu Wurst verarbeitet worden sein. Aber wie kann erneut Ekelfleisch in die Produktion gelangen?

Diana Maier

BerlinVerbraucher dürften verdutzt sein, dass es zwischen der Kategorie „Gammel-“ und „Ekelfleisch“ Definitionsspielräume gibt. Denn beides klingt besorgniserregend. Dr. Jochen Wettach, Projektleiter im Bereich Produkttests von Lebensmitteln der Stiftung Warentest in Berlin, erklärt den Unterschied wie folgt: „Gammelfleisch ist eigentlich einwandfreies Fleisch, das biologisch verdorben - also vergammelt - ist. Ekelfleisch ist grundsätzlich nicht zum menschlichen Verzehr gedacht, hier reden wir in erster Linie von Schlachtabfällen“.

Gammelfleisch und Ekelfleisch

Gelangt Fleisch der genannten Kategorien in die Produktionskette von Nahrungsmitteln, kann beim Kauf und Verzehr „im schlimmsten Fall eine Lebensmittelvergiftung drohen, im leichtesten Fall ein Magendarminfekt“ auftreten. Fälle von Lebensmittelvergiftungen, die durch Toxine verursacht werden, sind schwerwiegend. Infektionen, die durch Keime verbreitet werden, sind weniger schlimm. „Die Erklärung dafür ist ganz einfach“, so Wettach, „Keime sterben durch das Erhitzen des Fleisches sofort ab, Bakterien in Form von Lebensmittelgiften – kurz Toxine – können sich bis zum Ende des Verarbeitungszyklus´ im Fleisch einnisten“.

In der Lebensmittelüberwachung ergibt sich damit das Problem der Überprüfbarkeit von verdorbener Ware. „Wenn in einer Leberwurst aus dem Supermarktregal fünf Prozent schlechtes Fleisch sind, heißt das nicht, dass der Verbraucher das bei all den Gewürzen herausschmeckt“, so Hedwig Grunewald, Lebensmittelexpertin der Verbraucherzentrale Niedersachsen.

Und auch Verbraucher, die im Fall von Fleischskandalen Bakterien bestimmten Produkten zuordnen können, dürften schwer zu finden sein. Hedwig Grunewald rät deshalb, „mit allen Sinnen Struktur, Geruch und Farbe der gekauften Fleisch- oder Wurstwaren“ zu prüfen und „bei Irritationen die zuständige Lebensmittelüberwachung zu informieren.“

Der Fall Lohne

„Die Lebensmittelkontrolleure prüfen unsere fleischverarbeitenden Betriebe täglich“, Dr. Gert Hahne, Sprecher des Niedersächsischen Ministeriums für Landwirtschaft und Verbraucherschutz, hält sich bei kritischen Fragen zum drohenden Fleischskandal bedeckt. Noch sind die eidesstattlichen Aussagen von fünf ehemaligen rumänischen Mitarbeitern des Fleischereibetriebes nicht bewiesen. Der in die Schlagzeilen geratene Betrieb verfügt über die Zulassung zur Zerlegung von Schweineköpfen und soll in den vergangenen Wochen keine Auffälligkeiten gezeigt haben. „Das sind Behauptungen entlassener Mitarbeiter, die in einem Prozess gegen das Unternehmen stehen.“ Geht es im Fall Lohne nur um üble Verleumdung enttäuschter Mitarbeiter? Nach Aussage der zuständigen Behörden soll der Betrieb alle Auflagen erfüllt haben. „Derzeit sind die notwendigen Fleischproben auf dem Weg ins Labor.“

Noch fehlen die Beweise

Schweineköpfe, in Klötzen von je einem Kilogramm, lagern derzeit tiefgefroren im Landesamt für Verbraucherschutz in Oldenburg. „Das ist kein schöner Job, stinkendes Fleisch vor der Nase zu haben“, gibt Sprecherin Hiltrud Schrandt zu. Sie geht davon aus, dass in der laufenden Woche erste Ergebnisse für den verdächtigten Betrieb in Lohne vorliegen. „Vorher kann man da gar nichts sagen. Sie sehen dem Fleisch ja nicht an, ob es gut oder schlecht ist. Die Eisklötze werden gerade auseinander gesägt.“ Im Anschluss werden die Fleischproben im Kühlschrank nach und nach abgetaut. Der Medienrummel, vor der Kenntnis wirklicher Beweise, scheint damit auch von Seiten des ARD-Magazins „Report“ eine gewagte Anschuldigung, noch zu sein.

Und doch werfen die Anschuldigungen der ehemaligen Mitarbeiter des Betriebes in Lohne Fragen auf. Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, verhärtet sich einmal mehr die Fassungslosigkeit darüber, dass selbst verschärfte Lebensmittelkontrollen nicht greifen. Rückrufaktionen sind kaum hilfreich und die Beweisführung bei derartigen Betrugsfällen – das Fleisch wurde zur Weiterverarbeitung nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern auch nach Rumänien und Russland geliefert - ist häufig erschwert.

Eine Frage der Kontrolle?

Große Hoffnungen setzen Verbraucherschützer und Lebensmittelkontrolleure in das ab Mai geltende Verbraucherinformationsgesetz. „Damit wird es möglich, Produktnamen, die betroffen sind, aber auch Betriebe, die sich nicht an die Regeln gehalten haben, der Öffentlichkeit zu nennen“, erklärt Verbraucherschützerin Grunewald. Aber ist mit der Gesetzesinitiative, ein Erbe aus der Legislaturperiode mit Renate Künast, die Zeit der schwarzen Schafe vorbei?

„Wir haben ein Motto, und das heißt null Toleranz … gegenüber denen, die das Vertrauen der Verbraucher mit Füßen treten“, schimpfte Kanzlerin Angela Merkel im November 2005 und erließ einen Zehn-Punkte-Plan gegen Gammelfleisch. Bereits im Januar 2006 folgte die Registrierungspflicht für Lebensmittelhändler und eine denkwürdige Aussage des damaligen Bundesverbraucherministers Walter Schnappauf aus Bayern: „Ich kann doch nicht jedes Schnitzel selbst kontrollieren.“

Schwache Strafen für Übeltäter

Im Oktober 2007 wurde ein Gesetzentwurf zur Änderung des Lebensmittelgesetzbuches verabschiedet, der höhere Bußgelder im Fall eines Gesetzverstoßes vorsieht. Doch Bärbel Höhn, Fraktionsvorsitzende von Bündis90/Die Grünen, brachte es bereits im Sommer 2007 auf den Punkt: „Bei der Umdeklarierung von Fleischabfällen kann man viel verdienen, da wird die Erhöhung des Bußgeldes von 20.000 auf 50.000 Euro auch nicht wirklich abschrecken.“ Der Erlös für Kriminelle, die im Fleischhandel tätig sind, dürfte im Millionenbereich liegen.

Was kann also tatsächlich getan werden, um mögliche Gefahren für den Verbraucher zu vermeiden? Noch fehlen einheitliche Standards, die Lebensmittelkontrollen liegen in der Zuständigkeit der Länder. Eine Vereinheitlichung der bundesweiten Prüfungsordnung ist unbedingt erforderlich. Neben Bußgeldern ist es derzeit noch nicht möglich, Berufsverbote auszusprechen. Sicher wäre das in besonders schwerwiegenden Fällen aber angemessen.

Ohne eine länderübergreifende Herangehensweise wird der nächste Skandal nicht lange auf sich warten lassen. Dr. Hahne, Niedersachsens Ministeriumssprecher für Verbraucherschutz, stellt dazu fest: „Die Zahl der Raser nimmt auch nicht ab, nur weil die Polizei mehr Geschwindigkeitskontrollen macht.“ Bleibt zu hoffen, dass dieser Vergleich hinkt.

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