FLEXIBILITÄT IM FÜHLEN UND HANDELN : „Migration kann schmerzlich sein“

Gülistan Gürbey , 49, ist Referentin im Bundesfamilienministerium.
Gülistan Gürbey , 49, ist Referentin im Bundesfamilienministerium.

Dieses Jubiläum hat anfangs gar nichts in mir ausgelöst. Doch inzwischen berührt es mich doch: Fünfzig Jahre – das muss einem erst einmal über die Lippen gehen. Meine Eltern sind zurzeit in der Türkei, sie pendeln wie so viele der ersten Generation, die sich das leisten können, weil sie gesund genug dafür sind. Mir gefällt das, es spiegelt die Lebenssituation dieser Generation. Mein Vater war 1961 einer der ersten Angeworbenen. Er ist, wie später mein älterer, mein jüngerer Bruder und ich, zweimal emigriert: aus dem Kurdengebiet in die Großstadt, nach Istanbul, von dort nach Deutschland. Mein Vater arbeitete zuerst im Straßenbau, Mitte der 70er Jahre ging er zu Ford nach Köln. Er wollte, wie so viele, höchstens drei Jahre bleiben und Geld für die Rückkehr verdienen. Als es elf Jahre waren, hat er uns peu à peu nachgeholt. Wir Kinder wurden nicht gefragt, aber die Trennung der Familie war für beide Seiten unerträglich geworden. Ich kam 1973 und landete in einer Grundschule in Bonn-Beuel, als einziges nichtdeutsches Kind und ohne ein Wort Deutsch. Für meine Sprachentwicklung war das natürlich ideal, ich habe mich ganz schnell in die Sprache eingefunden. Ich glaube, dass mir auch die frühere Binnenmigration geholfen hat: Ich war schon von Kurdisch zu Türkisch, vom Dorf in die Großstadt gewechselt. Der dritte Ort, die dritte Sprache sind dann keine Riesenhürden mehr. In der zehnten Klasse hatte ich jedenfalls den Notenschnitt für den Wechsel aufs Gymnasium. Ich werde den Tag nie vergessen, als mein Vater, meine Klassenlehrerin und ich im Klassenzimmer saßen und sie sagte: „Sie hat zwar die Noten, aber Ihre Tochter wird das Abitur nicht schaffen. Suchen Sie ihr eine Ausbildungsstelle, sie könnte doch Frisörin werden.“ Doch mein Vater blieb hart, und ich kam aufs Gymnasium.

Was mein „Migrationshintergrund“ für mich bedeutet? Ich glaube, ich habe dadurch eine gewisse Flexibilität im Fühlen und im Handeln entwickelt. Ich kann mich über Kulturgrenzen hinweg wie ein Fisch im Wasser bewegen. Das prägt mich bis heute, ich sehe das als eine enorme Bereicherung. Natürlich sind diese vielen Identitäten auch schwierig, Migration kann sehr schmerzlich sein. Aber ich weiß auch, dass es möglich ist, viele Identitäten zu entwickeln, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Das muss kein Konflikt sein. Ich fühle mich als Kurdin, als Deutsche, als Europäerin. Das macht mich auch manchmal fremd, es passt nicht ins Muster nationalstaatlicher Verfasstheiten, denn die fordern Eindeutigkeit. Man wird dafür auch schief angesehen – das wäre auch in der Türkei nicht anders.

Es ist untypisch für die Mehrheit und ich fürchte, wer das nicht selbst erlebt hat, kann das nur schwer nachvollziehen. Aber es ist die natürliche Folge von Migration auf individueller Ebene. Schön ist auch, dass mir das nicht durch Geburt gegeben ist, sondern dass ich mir diese mehrfachen Identitäten angeeignet habe. Ich möchte das nicht missen und denke, das geben mein deutsch-türkischer Mann und ich auch unseren beiden Kindern noch weiter. Es ist schön, in vielen Kulturkreisen unterwegs zu sein.

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