Flowerpower : Die 68er von Ankara und Istanbul

Vieles blieb Utopie in Deutschland wie in der Türkei: Studenten von damals erzählen ihre Geschichte.

Andrea Dernbach

BerlinGerade hört man sie wieder überall, die Geschichten der französischen, deutschen, italienischen 68er, in Zeitungen, Filmen, auf Podien und in einer Flut von Büchern. Was sich vor vierzig Jahren in der Türkei tat, ist dagegen bis heute in EU-Europa kaum bekannt. Dabei unterschied sich die Bewegung am Ostrand des Mittelmeers praktisch in nichts von der im Westen: Die Wut über den Vietnamkrieg, verstaubte Universitäten, die Hoffnung auf soziale Reformen und ein freieres Leben teilten die türkischen Studentinnen und Studenten mit ihren Kommilitonen in San Francisco, Paris oder Berlin. Viele von ihnen flohen später nach Westen, viele ihrer Kinder und Enkel sind Teil der neuen Heimat.

An diesen halbvergessenen Schauplatz der 68er-Bewegung erinnerten jetzt sechs Ex-Aktivisten auf Einladung von Stipendiaten der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Begonnen hatte alles, ebenfalls typisch, weit vor 1968. Ragip Zarakolu, der heute Verleger in Istanbul ist, verwies auf 1960, als Studentenproteste den Militärs den Vorwand zum Putsch lieferten. Und auch die begeisterte Selbstüberhebung klingt vertraut, von der Ayten Gumusel erzählt, die damals an der US-Eliteschmiede „Middle East Technical“ in Ankara studierte. Mit dem Schlachtruf „Freunde, der zweite Befreiungskrieg hat begonnen!“ stürzten sich Gumusels Freunde auf die Panzerlimousine des US-Botschafters, die sie schließlich, mit einiger Mühe, in Brand steckten.

Natürlich blieb der Befreiungskrieg dort wie hier Utopie. Die Istanbuler Schauspielschülerin Emine Sevgi Özdamar, heute Berlinerin und eine hoch dekorierte deutsche Schriftstellerin, las eine selbstironische Passage aus ihrem autobiografischen Roman „Die Brücke vom Goldenen Horn“ über ihren revolutionären Ausflug zu den anatolischen Bauern, die man mit 300 Lira in der Tasche vor dem Hunger bewahren und von den Vorzügen der Schwangerschaftsverhütung überzeugen wollte. Und der frühere Funktionär der „Volksbefreiungsarmee“ TKHO, Attila Keskin – heute Obsthändler in Mönchengladbach –, erzählte halb amüsiert, halb resigniert von der kommerziellen Verwertung des türkischen „Roten Dany“ Deniz Gezmis. Seine letzten Worte vor der Hinrichtung „Es lebe der Marxismus-Leninismus“ sind in einer aktuellen türkischen Seifenoper über sein Leben zwar zensiert. Ein Laufband am unteren Bildschirmrand bietet sie aber für 1,90 Euro zum Runterladen aufs Handy an.

Zwei Unterschiede gibt es freilich. Erstens: Die alten Damen und Herren bereuen wenig. Natürlich habe man Fehler gemacht, sagt Ayten Gumusel, aber: „Als Gefängnis und Illegalität endlich zu Ende waren für mich, war ich vierzig. Ich konnte mein Leben nicht neu orientieren.“ Viele ihrer Freunde hatten nicht einmal dies, sie wurden auf der Straße erschossen oder hingerichtet, die „kurze wunderschöne Emanzipationszeit“ (Özdamar) war zu Ende. „Deutschland hat es geschafft, die 68er-Bewegung zu integrieren“, sagt Ragip Zarakolu, „unsere führenden Leute sind umgebracht worden.“

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