Flucht über den Sinai : Von Hölle zu Hölle

Afrikanische Flüchtlinge fliehen über Ägypten nach Israel. Doch der Sinai ist ein gefährliches Terrain.

Sabine Brandes
Hilfsbereit. Ein israelischer Soldat versorgt eritreische Flüchtlinge im Niemandsland zu Ägypten mit Wasser. Keines der beiden Länder will sie einreisen lassen. Foto Yehuda Lahiani/dpa
Hilfsbereit. Ein israelischer Soldat versorgt eritreische Flüchtlinge im Niemandsland zu Ägypten mit Wasser. Keines der beiden...Foto: dpa

Die Wüste ist ungnädig. Tagsüber brennen die Sonnenstrahlen unerbittlich auf die ausgemergelten Körper herunter, nachts wird es empfindlich kalt. Geschützt lediglich durch Plastikplanen und ein paar Decken kauerten 18 Männer, zwei Frauen und ein 14-jähriger Junge acht Tage lange im Sand. Gefangen im Niemandsland zwischen Ägypten und Israel. Jerusalem weigerte sich, die eritreischen Flüchtlinge aufzunehmen, ägyptische Grenzer ließen sich nicht ein einziges Mal blicken.

Die notdürftige Versorgung mit Wasser und etwas Essen übernahmen die israelischen Soldaten durch den Zaun hindurch. Allerdings waren sie angewiesen, die Einreise kategorisch zu verweigern. Obwohl bekannt ist, dass auf dem Sinai regelrechte Folterlager existieren, in denen Beduinengangs Flüchtlinge versklaven und töten. Doch Premierminister Benjamin Netanjahu betonte, wie ernst es ihm mit den Bemühungen sei, Migranten aus seinem Land fernzuhalten. „Jeder soll verstehen, dass Israel kein Bestimmungsort für Eindringlinge ist.“

Das Drama begann vor sieben Jahren. Damals schlüpften die ersten afrikanischen Flüchtlinge durch die noch löchrige Grenze mit Ägypten. Für sie mutete Israel tatsächlich an wie Eden auf Erden. „Es ist die Verheißung auf ein lebenswertes Leben“, sagten diejenigen, die es nach Tel Aviv oder Eilat geschafft hatten.

Heute leben schätzungsweise 60 000 Menschen hauptsächlich aus dem Sudan, Äthiopien und Eritrea hier, die meisten von ihnen illegal. Etwa 40 000 stammen wie die Menschen am Zaun aus dem ostafrikanischen Land. „Wenn wir nichts tun, werden es bald 600 000 sein“, erklärte Netanjahu vor kurzem mit ernster Mine. Die Regierung in Jerusalem hat nie viel unternommen, um zu helfen. Im Gegenteil, sie tat alles, um Afrikaner fernzuhalten. An der Grenzsicherung aus stabilem Beton wird seit Monaten fieberhaft gebaut, große Zeltlager in der Wüste sind geplant. Dennoch machte es die Runde, dass das Leben in Israel sicher sei.

„Das ist die einzige Demokratie in der Gegend. Deshalb bin ich hier“, sagt ein junger Mann aus Eritrea, der in einem Tel Aviver Restaurant als Hilfskraft arbeitet. Vorher lebte er als Fremdarbeiter im Nachbarland. „Doch die Ägypter sind keine guten Menschen, die Israelis schon“, berichtet er mit bebender Stimme. „Sie schlagen, betrügen und töten uns.“ Seine Familie sei in der Heimat von Regierungsleuten umgebracht worden. Nur weil er in der Schule war, entkam er dem Gemetzel. Wo seine drei Geschwister sind, weiß er nicht. „Ich habe kein anderes Land mehr, in dem ich sein kann. Dies ist jetzt meine Heimat.“

Doch Israel will nicht sein Zuhause sein. Der Oberste Gerichtshof erklärte, dass das Land keine Verpflichtung habe, die am Zaun Gestrandeten aufzunehmen. Sigal Rozen von der Menschenrechtsorganisation Kaw Laoved in Tel Aviv erläutert jedoch, dass Israel damit gegen das internationale Abkommen verstoße, dass ein Mensch nicht dorthin zurückgeschickt werden darf, wo sein Leben oder seine Freiheit bedroht sind. In Ägypten sei das aber definitiv der Fall.

Trotz des Disputes öffnete sich am Donnerstag der Übergang einen kleinen Spalt. Die zwei Frauen und der Jugendliche wurden nach Israel gelassen, alle Männer mussten zurück nach Ägypten. „Jeder Flüchtling, der an der Grenze zum Nachbarn geschnappt wird, kommt sofort ins ägyptische Gefängnis und wird anschließend nach Eritrea zurückgeschickt.

Beduinengangs haben inzwischen ein lukratives Geschäft daraus gemacht, Fluchtwillige durch den Sinai zu schleusen – gegen Bares. Zahlen die Flüchtlinge nicht, was die meisten nicht können, werden sie gefoltert oder gar getötet.

Nach dem Sturz von Hosni Mubarak hat sich die Halbinsel immer mehr zum gesetzlosen Terrain entwickelt. Brutale Beduinenbanden versetzen die Gegend in Angst und Schrecken. Um die 1000 ägyptische Soldaten sind in dem riesigen Gebiet stationiert, oft schlecht ausgebildet und nur dürftig bewaffnet. Nach Angaben israelischer Sicherheitskreise befinden sich Al-Qaida-Zellen aus dem gesamten Nahen Osten auf dem Sinai. Man geht davon aus, dass Beduinen die Terrorgruppen unterstützen; mit Waffen werden sie aus Gaza versorgt. Der ägyptisch-israelische Austausch in Sachen Sinai-Sicherheit, jahrzehntelang Bestandteil des Friedensvertrages, ist praktisch nicht mehr existent, seit Mohammed Mursi von der Muslimbruderschaft in Kairo regiert.

Augenzeugen, die es als Flüchtlinge nach Israel geschafft haben, berichten immer wieder von jenen Lagern, in denen Männer, Frauen und Kinder ihren Angaben zufolge Monate verbringen mussten, bis ihre Angehörigen das Lösegeld aufgebracht hatten. Ein Überlebender beschrieb die Odyssee vieler Menschen aus Eritrea durch das Land am Nil als eine „Reise aus der Hölle durch die noch viel tiefere Hölle“. Mit der Aussicht, am Schluss an einem Grenzzaun im Nirgendwo zu enden.

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