Flüchtlinge : Das freie Europa steht unter Druck

Um nach Europa zu fliehen, vertrauen sich viele verbrecherischen Schlepper-Banden an. Um deren lukrativem Geschäft den Boden zu entziehen, muss Europa endlich gemeinsam handeln. Ein Kommentar.

von
Zu allem entschlossen. Auch Zäune werden die verzweifelten Flüchtlinge nicht aufhalten.
Zu allem entschlossen. Auch Zäune werden die verzweifelten Flüchtlinge nicht aufhalten.Foto: ROBERT ATANASOVSKI/AFP

Das sind die Nachrichten nur eines Tages: 71 Männer, Frauen und Kinder, jämmerlich erstickt in einem verschlossenen und verlassenen Lkw auf einer österreichischen Autobahn. Hunderte, die vor der libyschen Küste im Meer ertrinken. Eine Flüchtlingsunterkunft im sächsischen Aue, die in Flammen steht, Rechte, die in Salzhemmendorf bei Hameln einen Brandsatz in eine Asylbewerberunterkunft werfen. Und Mauern, die ein Vierteljahrhundert nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs auf einmal wieder hochgezogen werden. Ganz ehrlich: Eine Flucht nach Europa erscheint derzeit wenig attraktiv.

Und dennoch: Hunderttausende lassen sich nicht abschrecken, sie brechen auf – aus Syrien, dem Irak, Libyen, Schwarzafrika, vom Balkan. Sie verlassen ihre Heimat, riskieren ihr Leben, um der Hoffnungslosigkeit zu entkommen. Zäune und Mauern werden diese Völkerwanderungen nicht aufhalten. Viele vertrauen sich dabei verbrecherischen Banden an, die versprechen, sie gegen Tausende von Euro ins Gelobte Land zu bringen – dieses Versprechen aber oft genug gar nicht halten wollen. Um es klar zu sagen: Das Geschäft der Schlepper ist ein Geschäft mit dem Tod. Wer sich Fluchthelfer nennen will, sollte sich nicht an der Not anderer bereichern wollen.

Was heißt das alles für ein Europa, das so lange daran gearbeitet hat, die Zahl der Grenzen zu reduzieren? Die Antworten reichen von: „Lasst sie alle rein“ bis zu „Macht die Grenzen dicht“. Nichts davon klingt plausibel. Auch das reiche Europa hat das Recht zu kontrollieren, wer kommt und vor allem wer bleibt. Andere Länder wie Kanada machen es vor, mit respektablen Ergebnissen. Gleichzeitig hat dieser wohlhabende Kontinent die Pflicht zu helfen. Wegschauen ist in einer vernetzten Welt keine Option mehr.

Wer will, dass sich weniger Verzweifelte skrupellosen Menschenhändlern ausliefern, um auf illegalen Wegen Europa zu erreichen, muss deren lukrativem Geschäft den Boden entziehen. Mit humanitärer Hilfe vor Ort, etwa, indem die EU die von den Vereinten Nationen betriebenen Flüchtlingslager um Syrien stärker unterstützt. Aber auch mit effektiveren Kontrollen an Europas Grenzen. Außen und notfalls innen – wenn wie derzeit manche Mitgliedstaaten aufgrund der vielen Asylsuchenden ihre Außengrenzen nicht mehr im Griff haben. Dafür muss man Schengen nicht abschaffen, das Abkommen lässt dies vorübergehend zu.

Das Geschäft der Schlepper bekämpft aber auch, wer mehr legale Möglichkeiten schafft, um hierher zu kommen. Dass Syrer nach der Flucht aus ihrem bürgerkriegszerrissenen Land in Europa rasch aufgenommen werden müssen, ist inzwischen Konsens. Auch, dass daher Wirtschaftsflüchtlinge etwa vom Westbalkan das Nachsehen haben. Warum braucht Europa dann so lange dafür, schon an seinen Außengrenzen Aufnahmestellen einzurichten, um diejenigen mit klarem Asylgrund bevorzugt vor denen zu behandeln, die kaum Chancen haben, anerkannt zu werden?

Die Nachrichten dieses einen Freitags zeigen, dass die Zeit drängt. Nicht, weil dumpfe Rechtsextremisten gegen Flüchtlinge hetzen – die große Mehrheit ist klar anderer Meinung. Sondern weil die Zahl der Asylsuchenden auf absehbare Zeit eher noch steigen wird. Das Europa der Freizügigkeit steht unter Druck. Wenn Schengen nicht scheitern soll, muss Europa endlich wieder gemeinsam handeln.

Autor

14 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben