Flüchtlinge in Berlin : Warum wir nach Deutschland geflohen sind

Sie flohen vor Krieg und Folter, vor Armut und Verzweiflung. Jetzt leben sie in Berlin – in Sicherheit, aber geplagt von Zukunftssorgen. Und oft mit dem Gefühl, nicht willkommen zu sein. Asylbewerber schildern ihr Leben

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Sejoina Malcinovic, 30, Fahrudin, 8, aus Bosnien
Sejoina Malcinovic, 30, Fahrudin, 8, aus BosnienFoto: Kai-Uwe Heinrich

"Es erstaunt mich nicht, dass in Deutschland Flüchtlingsheime brennen. Vor der Unterkunft in Köpenick, in der ich seit vier Monaten lebe, demonstrieren jeden Mittwoch ein paar Menschen gegen die Unterkunft und gegen uns Bewohner. Ich weiß, dass manche Deutsche Menschen wie mich nicht haben wollen. Mir machen die Demos aber keine Angst, die Polizei ist ja immer da, um uns zu beschützen. Sorgen mache ich mir nur, wie mein Sohn das alles aufnimmt.

Wenn es mittwochs wieder losgeht, gehe ich deshalb sofort mit ihm auf unser Zimmer. Wenn besonders viele Menschen da sind, hören wir dort die Rufe. Kann ich nicht schnell genug die Musik lauter drehen, will Fahrudin wissen, was los ist. Ich sage ihm, es sei ein Straßenfest. Bisher glaubt er mir.

Wahrscheinlich müssen wir gehen

Mich macht es traurig, dass einige Deutsche denken, ich und andere seien nur hier, weil wir hier umsonst ein Dach über dem Kopf und zu essen bekommen. Wieso ich aus Bosnien weg bin, hat mich noch kein Deutscher gefragt. Ich bin vor meinem Mann geflohen, er hat mich, meinen Sohn und meine Mutter verprügelt. Die Polizisten kamen am Ende nicht mehr, wenn ich sie zur Hilfe rief, weil mein Mann auch sie angriff. Als er Fahrudin so heftig schlug, dass er ohnmächtig wurde, stieg ich mit meinem Sohn in den Bus nach München. Dort beantragte ich für uns beide Asyl, wir wurden nach Berlin verlegt.

Ich weiß, dass wir in Deutschland keine Perspektive haben, dass wir wahrscheinlich bald wieder gehen müssen. Das macht mir Angst, ich versuche deshalb jeden Gedanken an meine Zukunft zu verdrängen. Am wichtigsten ist jetzt, dass Fahrudin behandelt wird. Seit den letzten Schlägen seines Vaters wacht er manchmal nachts auf und schreit vor Schmerzen. Wahrscheinlich hat er sich am Kopf verletzt. In ein paar Tagen können wir endlich eine Computertomografie machen, um zu erfahren, was los ist.

Unterschiedliche Erfahrungen in Heimen

Auch wenn regelmäßig vor unserer Tür demonstriert wird, fühle ich mich sehr wohl in dem Heim in Köpenick. Der Leiter, die Sozialarbeiter und die Ehrenamtlichen sind immer für uns da, helfen, wie sie können. Dank ihnen können wir bald ins Krankenhaus.

Die ersten acht Monate in Deutschland habe ich in einem Heim in Kladow verbracht. Dort habe ich eine ganz andere Erfahrung gemacht. Dort sagten die Mitarbeiter zu mir: „Wenn dein Kind Schmerzen hat, geh doch ins Krankenhaus.“ Ich kann aber kein Deutsch, wusste nicht wohin, hatte nicht genug Geld für das BVG-Ticket. Außerdem trinken viele Bewohner dort jeden Tag, irgendwann prügeln sie sich. Das Heim liegt sehr isoliert, es gibt nichts zu tun.“

Sejoina Malcinovic, 30, Fahrudin, 8, aus Bosnien

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