Flüchtlinge in Deutschland : Helfen ist zum Glück ansteckend

Der Bundespräsident mahnt Europa, mit Flüchtlingen menschenwürdig umzugehen. Wo die Politik noch Defizite hat, zeigen viele Menschen in Deutschland, wie es gehen kann. Ein Kommentar.

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Die Hälfte aller Flüchtlinge ist noch keine 18 Jahre alt - wie diese beiden jesidischen Jungen in einem Flüchtlingscamp im Nordosten Syriens.
Die Hälfte aller Flüchtlinge ist noch keine 18 Jahre alt - wie diese beiden jesidischen Jungen in einem Flüchtlingscamp im...Foto: Christian Ditsch/Imago

Vielleicht ist ein Aspekt in der Debatte über den anschwellenden Flüchtlingsstrom und den angemessenen Umgang damit manchmal etwas zu kurz gekommen. Monatelang bekamen jene Nachrichten die allergrößte Aufmerksamkeit, die Angst machen können: immer mehr Menschen auf der Flucht mit dem Ziel Deutschland, immer mehr Demonstranten, die sich dagegen wehren, diese Hilfsbedürftigen aufzunehmen, beziehungsweise in ihrer Nachbarschaft zu akzeptieren. Pegida, Tröglitz, Freital waren die Reizwörter, an denen kaum ein Medium in der Berichterstattung vorbeikam.

Fast überall in Berlin haben sich Willkommensbündnisse zusammengeschlossen

Das muss nicht falsch sein. Doch schon seit geraumer Zeit zeigt sich, dass die Menschen in Deutschland deutlich weiter sind, als von manchen gedacht. Dass sie zur Kenntnis genommen haben, dass es nicht spurlos an Europa vorbeigeht, wenn weltweit mehr als 60 Millionen Menschen auf der Flucht sind – die Hälfte davon Kinder und Jugendliche.

Es muss ja nicht gleich die Lösung sein, die der Brandenburger CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Patzelt vorlebt. Patzelt und seine Frau haben zwei Flüchtlinge aus Eritrea bei sich zu Hause aufgenommen, obwohl (oder vielleicht gerade weil?) der überzeugte Christ für diesen Vorschlag noch vor wenigen Monaten von Rechten bedroht worden war. Oder die Lösung von Werner Meyer, ehemals Topmanager eines Stahlbaukonzerns, der eine kleine Flüchtlingsfamilie aus Kenia in seiner Villa mitwohnen lässt – für einen Euro im Monat.

Es geht auch eine Nummer kleiner. Allein in Berlin gibt es in fast allen Bezirken lokale Willkommensbündnisse, von Charlottenburg über Neukölln bis Treptow, in denen sich Bürger für die Neuankömmlinge einsetzen. Sie helfen Kindern bei den Hausaufgaben, begleiten Flüchtlinge bei Behördengängen und organisieren Kennenlern- und Informationsveranstaltungen. Auch in Brandenburg sind nach offiziellen Angaben inzwischen schon rund 80 Flüchtlings-Initiativen tätig.

In Hamburg kann man über "Welcome Dinners" lesen, bei denen Alteingesessene die Neu-Hanseaten während eines gemeinsamen Abendessens kennenlernen und womöglich Freundschaften fürs Leben knüpfen können. Organisiert werden diese Treffen von vier jungen Hamburgern, die den Neuen die Chance eröffnen wollen, ihre Stadt mal ganz anders zu entdecken.

In Bayern plant ein Immobilienentwickler moderne Reihenhäuser - für Flüchtlinge

Oder nehmen wir Bayern. Da plant zum Beispiel ein Immobilienentwickler in einer Kleinstadt moderne, energiesparende Reihenhaus-Neubauten, in denen Flüchtlinge nach seinen Angaben gut und dennoch kostengünstig untergebracht werden könnten. Klar, auch darüber regen sich Menschen auf (Stichwort "Luxus-Asyl"), aber was zählt, ist die Idee.

Über all diese Initiativen, Pläne, Aktionen kann man mehr und mehr lesen. Und wenn man es tut, schrumpfen die Sorgen: dass die Stimmung in Deutschland kippt, dass es wieder Verhältnisse wie Anfang der 90er Jahre geben könnte, als Asylbewerberheime mit Molotowcocktails beworfen und die Werfer dafür beklatscht wurden, dass die, die zu uns kommen, weitgehend unter sich bleiben müssen. Dann schrumpft vielleicht auch die Sorge, dass die Welt mal wieder irritiert auf dieses eigentlich doch so reiche Land blickt, das sich mit Dauer-Demos gegen Schutzbedürftige abzufinden scheint.

Man kann sich vom Tun anderer motivieren lassen

Wenn man über all das Engagement liest, kann man sich auch anstecken lassen. Gründe dafür gibt es genug. Durch eigenes Handeln im Kleinen kann man zum Beispiel der Untätigkeit der Weltgemeinschaft angesichts von mehr als vier Jahren Krieg und Zerstörung in Syrien etwas entgegensetzen. Ein Grund kann auch sein, dass helfen, sich für andere einsetzen, glücklich macht.

Und dennoch: Eine reine Privatsache ist es nicht, wie Flüchtlinge hier aufgenommen und behandelt werden. Oder um es mit dem Bundespräsidenten zu sagen: "Wie glaubwürdig die Europäische Union in Fragen der Menschenrechte ist, das hängt in der aktuellen Situation davon ab, wie wir in Europa mit jenen Menschen umgehen, die bei uns Zuflucht suchen."

Damit hat sich Joachim Gauck am Mittwoch vor allem an die gewandt, die Verantwortung tragen. Denn wenn die Politik nicht glaubhaft vorlebt, warum ein menschenwürdiger Umgang mit Flüchtlingen gerade in und für Europa wichtig ist, könnten sich jene bestätigt fühlen, die daran kein Interesse haben. Die vergangenen Wochen haben gezeigt: Da ist noch viel Luft nach oben. Gut, dass so viele Menschen da offensichtlich schon deutlich weiter sind.


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