Flüchtlinge in Europa : Gefangene der Freiheit

Das Universitätsgebäude am Stadtrand von Rom stand jahrelang leer. Dann wurde es besetzt. Von Ostafrikanern, die Schutz vor der Kälte suchten. Sie tauften das Haus „Palast Salam“. Es ist zum Symbol für die europäische Flüchtlingsmisere geworden.

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Auf sich allein gestellt. Flüchtlinge dürfen in Italien bleiben und arbeiten. Nur Hilfe erhalten sie nicht. Im „Palast Salam“ leben 800 von ihnen illegal.
Auf sich allein gestellt. Flüchtlinge dürfen in Italien bleiben und arbeiten. Nur Hilfe erhalten sie nicht. Im „Palast Salam“...Foto: Gabriel Bouys/AFP

Als Halid Ali endlich spricht, kommt aus seinen halb geschlossenen Lippen nur ein heiseres Gemurmel. Er starrt zu Boden, die Arme um den Oberkörper geschlungen. Mit seinen Jeans und in seinem weißen Polo-Hemd könnte er ein Austauschstudent sein. Wären da nicht diese Narben. Alte Wunden auf seinen nackten Armen.

Etwas über die Zeit von ihm erfahren zu wollen, als er noch in Darfur lebte, der Krisenregion im Sudan, ist schwierig. Da verstummt der Junge plötzlich wieder, hebt seine kleinen, glasigen Augen und schaut sich verängstigt um. Für einen Augenblick scheint es, als wäre der Mittzwanziger wieder in seinem Dorf in Darfur. Wieder im Krieg, vor dem er vor fünf Jahren flüchten musste. Dann schüttelt er den Kopf, wie um die alten Bilder zu vertreiben, und ist wieder ganz da, im kleinen Büro im Erdgeschoss des „Palast Salam“ am südöstlichen Rand von Rom.

Der „Palast“ ist Halid Alis neue Heimstätte geworden. An den Wänden des kleinen Raumes hängen bunte Plakate, darauf Worte in Italienisch, Arabisch, Englisch, Amharisch. Ein Schrank steht hier, drei Plastikstühle, ein Schreibtisch – und überall Aktenordner. Auf dem Schreibtisch liegt ein Blutdruckmessgerät: Das Zimmer ist gleichzeitig Beratungsstelle, Verwaltungsraum und Arztpraxis.

Einst war der gläserne Bürokomplex die Fakultät für Literatur der Universität Roma Tor Vergata. Als deren Niederlassung 2005 geschlossen wurde, stand das Haus leer – bis eine Gruppe obdachloser Flüchtlinge aus Ostafrika darin Schutz vor der Kälte suchte. Sechs Jahre später ist das Gebäude das Zuhause von mehreren Hundert Flüchtlingen. An der Fassade ein Gewirr von Kabeln und Satellitenantennen. An den offenen Fenstern betrachten Frauen in bunten Schleiern die sinkende Sonne über Rom. Im Hof sind Kinder zu hören, die Ball spielen. Zwei Männer in Anzügen, die gerade am Eingang des Gebäudes vorbeigehen, heben kurz ihren Blick zum Fenster. Dann gehen sie schnell weiter und verschwinden in einem der naheliegenden Bürogebäude. Seitdem die Universität weg ist, gibt es in dieser Gegend nur Büros und Einkaufszentren – und den „Palast Salam“. So nennen ihn seine Bewohner.

Die italienischen Medien sagen: „Palast der Schande“.

„Geh nach Deutschland.“ So lautet der Rat an Halid Ali, der in Rom festsitzt.
„Geh nach Deutschland.“ So lautet der Rat an Halid Ali, der in Rom festsitzt.Foto: Ghelli

Halid Ali blickt aus dem Bürofenster und schweigt. „Verzeihen Sie“, sagt Kidani Dagem von seinem Platz hinter dem Schreibtisch. „Über den Krieg kann er nicht sprechen.“

Kidani sagt das aus eigener Erfahrung. Lange bevor er dem Komitee beitrat, das das Leben im Palast regelt, war der schlanke 45-Jährige mit der ruhigen Stimme und den gepflegten Manieren ein Guerillakämpfer in der äthiopischen Derg-Armee. „Der Krieg hat ihn innerlich zerbrochen“, fährt Kidani fort. „Da musste Halid einfach weg.“ Damals, in Äthiopien, hat er viele Jugendliche wie Halid Ali kennengelernt. Er wendet sich wieder dem Jungen zu. „Wie kamst du nach Europa?“, fragt er ihn auf Arabisch. Langsam setzt Ali seine Erzählung fort.

Er habe sich einer Karawane von Menschenschmugglern angeschlossen, die ihn durch die Wüste nach Libyen brachten. Von Tripolis habe er in einem kleinen Boot nach Italien übergesetzt.

Als er in Sizilien ankam, brachte ihn die italienische Grenzpolizei zu einem Aufnahmezentrum der Caritas. Dort gab es ein Bett und genug zu essen. Sieben Monate durfte er im Zentrum bleiben, bis ihm die Staatsanwaltschaft einen vorläufigen Flüchtlingsschutz gewährte. Dann drückten ihm die Angestellten seine Aufenthaltserlaubnis in die Hand, klopften ihm auf die Schulter und ließen ihn gehen. Monatelang wanderte Halid alleine durch Italien. Meistens schlief er auf der Straße. Ab und zu arbeitete er auf einem Bauernhof. Denn außer der Aufenthaltserlaubnis konnte ihm Italien nichts anbieten. Er war auf sich allein gestellt.

Das italienische Innenministerium rechtfertigt sich damit, dass anerkannte Flüchtlinge in Italien dieselben Rechte wie italienische Staatsbürger genießen. Das heißt, sie dürfen arbeiten und sich frei durch das Land bewegen. Theoretisch. Alleine und ohne Sprachkenntnisse ist es nicht einfach, Arbeit und eine Unterkunft zu finden.

Dabei hält sich Italien an die europäische Gesetzgebung. Als Asylbewerber hätte Halid ein Recht auf Grundversorgung gehabt. Doch er ist als schutzbedürftiger Flüchtling anerkannt und der Staat nicht mehr gezwungen, Hilfe zu leisten.

Italien – schon immer ein Transitland für Flüchtlinge – hat trotz des zunehmenden Andrangs sein Unterbringungssystem kaum ausgebaut. Der Anstieg des Flüchtlingsstroms aus Nordafrika, der vom arabischen Frühling mitverursacht wurde, löste in einem bereits überforderten System das reine Chaos aus.

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