Flüchtlinge in Europa : Sie sind geflohen, um zu bleiben

Europa sollte in der Flüchtlingsfrage seine Denkrichtung ändern. Der Versuch, Flüchtlinge fernzuhalten, ist erschreckend realitätsfern. Ein Kommentar.

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In der Lernwerkstatt in der Bayernkaserne in München lernen Flüchtlinge erste Handgriffe in einem Handwerk.
In der Lernwerkstatt in der Bayernkaserne in München lernen Flüchtlinge erste Handgriffe in einem Handwerk.Foto: Sven Hoppe/dpa

So viel Flüchtling war selten. Auf allen Ebenen wird über ihn und seine Schicksalsgenossen debattiert: Wo soll er hin, in welchen Mengen, wie behandelt man ihn, wer bezahlt was, wie wird man ihn wieder los, wann und wie könnte man ganz verhindern, dass er kommt, was tun, wenn er stirbt, was tun, wenn er ertrinkt?

Darüber wird seit Monaten auf Europa-, auf Bundes- und auf Landesebene gestritten. Wenn dann, wie am heutigen Samstag, auch noch „Weltflüchtlingstag“ ist, ertönen dazu im Erzbistum Köln die Totenglocken von hunderten Kirchen, und die Rufe vieler Menschenrechtsorganisationen nach mehr Fürsorge und Verantwortungsbewusstsein werden wieder lauter. Aber ändert sich etwas?

Der Versuch, die Flüchtlinge fernzuhalten, ist erschreckend realitätsfern

Bisher nicht viel mehr, als dass die Zahl der Flüchtlinge weltweit kontinuierlich ansteigt. Und Europa, und mit ihm Berlin, eifrig nach Möglichkeiten sucht, ihnen den Weg zu versperren. Das ist erschreckend realitätsfern.

Die Welt ist im Moment in Aufruhr, daran wird sich so schnell nichts ändern. Die Macht von Politik schwindet, stattdessen bestimmen globale Marktakteure und machen die Welt nur für wenige besser. Menschen fliehen nicht nur vor erklärten oder unerklärten Kriegen, vor Diktatoren und Rassismus, sondern auch vor Landraub, Armut, Perspektivlosigkeit. Und natürlich wollen sie in die westlich-industrialisierte Welt, die so gerne als Botschafter von Demokratie und Wohlstand auftritt.

Aber statt dass man dort die Lage akzeptiert, wie sie ist, und mit Blick nach vorne vermehrt Möglichkeiten zur Gestaltung einer Zukunft sucht, tut man so, als sei das alles ein vorübergehendes Phänomen, das man mit immer neuen Abwehrtricks und -kniffen schon irgendwie unter Kontrolle bringen wird. Es ist aber ein Fehler zu glauben, eine Entwicklung würde abebben und sich erledigen, nur, weil man keine Lust hat, sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Die Abwehrstrategie gegen Flüchtlinge ist schon einmal gescheitert

Diese Strategie ist schon einmal gescheitert, als Deutschland bis in die 90er Jahre hinein so tat, als würden die scharenweise rekrutierten „Gastarbeiter“ demnächst wieder nach Hause fahren, während die längst ihre Frauen und Familien nachgeholt hatten und sesshaft geworden waren, und deren Kinder bereits wieder Kinder bekommen hatten. Unter den Folgen jener ignoranten Politik leiden bis heute in diesem Land Millionen Menschen, die verlorenen Generationen, die um gleichberechtigte Teilhabe und Chancen gebracht wurden.

Und während in den Bezirken und Kommunen die Scherben jener Fehlleistungen bis heute mühsam und für teuer Geld zusammengefegt werden – Stichwort: soziale Brennpunkte, Sozialarbeiter an Schulen, bildungsferne Schichten – deutet sich an, dass derselbe Fehler ein zweites Mal gemacht wird.

Die Debatte wird vor allem darüber geführt, wie man die Flüchtlinge umverteilt oder wieder los- wird. Es wäre sinnvoller, das Gewicht zu verschieben und darüber nachzudenken, was mit ihnen geschehen muss, wenn sie hier sind: wie sie schnell zu Bürgern werden, die sich nützlich machen können. Je länger sie herumgeschoben werden und sich schlecht behandelt vorkommen (müssen), desto schlechter. Und zwar für alle.

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