Über 800 Menschen leben auf vier Stockwerke verteilt

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Flüchtlinge in Europa : Gefangene der Freiheit
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Umsonst und draußen. Auf der Dachterrasse des ehemaligen Universitätsgebäudes schlafen im Sommer viele Bewohner, um den beengten Verhältnissen zu entgehen.
Umsonst und draußen. Auf der Dachterrasse des ehemaligen Universitätsgebäudes schlafen im Sommer viele Bewohner, um den beengten...Foto: Gabriel Bouys/AFP

Auf etwa 3000 Plätze landesweit kommen zehnmal so viele Flüchtlinge, die untergebracht werden müssten. Viele von ihnen zieht es nach Rom. Über 6000 sollen derzeit in der Hauptstadt leben. Nachts schlafen sie in besetzten Häusern oder rund um den Bahnhof. Tagsüber wandern sie durch die Stadt auf der Suche nach Nahrung und Kleidung.

„Hier kann man nicht leben“, sagten seine Schicksalsgenossen zu Halid Ali. „Geh nach Deutschland! Geh nach Holland! Dort muss man als Flüchtling nicht auf der Straße leben.“ So ging Halid nach Holland. Die Polizei brachte ihn zu einem Aufnahmezentrum in der Nähe von Middelburg. Dort war es sauber und warm. Und Italien, das war bald nur noch eine düstere Erinnerung, die verblasste.

Ein Jahr lang blieb Halid in Middelburg, bis ihn zwei Polizisten zum Flughafen brachten und in ein Flugzeug setzten. Ziel: Rom. Wusste er, warum?

„Dublin“, antwortet er und zuckt mit den Achseln.

Für die meisten Flüchtlinge ist der Name der irischen Hauptstadt das Synonym für „Schicksal“. In Dublin wurde 2003 eine Verordnung der Europäischen Union unterschrieben, die bestimmt, welcher Mitgliedsstaat für ein Asylverfahren zuständig ist. Flüchtlinge sind demnach für mindestens fünf Jahre an das Land gebunden, in dem sie zuerst ihren Asylantrag gestellt haben. In Halid Alis Fall ist das eben Italien.

Zurück in Rom schlief Halid wieder auf der Straße, bis er den Weg zum „Palast Salam“ fand.

Über 800 Menschen leben hier auf acht Stockwerke verteilt. Ehemalige Seminarräume und Büros sind mit Decken abgehängt, um kleine Privaträume zu schaffen, deren Einrichtung aus ein paar Kartons und einer Matratze besteht. In den schlecht beleuchteten Gängen sammeln sich die Familien um kleine zusammengebastelte Gasherde. In der Luft liegt Schweißgeruch und gelegentlich das Aroma ostafrikanischer Gewürze.

200 Bewohner teilen sich eine Toilette. Im vergangenen Sommer stellte die Stadtverwaltung für drei Wochen die Wasserversorgung ab, bis eine Protestaktion die Entscheidung rückgängig machte. Krätze und Darminfektionen sind allgegenwärtig. Nur die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Organisation „Cittadini del Mondo“ bieten den Bewohnern medizinische und rechtliche Beratung an. Wenn ein Konflikt ausbricht, schaltet sich Kidani ein.

Mit seiner autoritären und gleichzeitig gelassenen Art dient der Äthiopier hier als Schlichter. Er hat viel Erfahrung. Als die Mengistu-Diktatur zusammenbrach, so erzählt er, flüchtete er aus Äthiopien in den Sudan, wo er mehrere Jahre für eine amerikanische Hilfsorganisation arbeitete. Dann warf ihm die sudanesische Regierung vor, für die CIA zu spionieren. So musste er weiter nach Europa fliehen. Seit zehn Jahren lebt er in Italien.

Er ist immer beschäftigt. Denn in der Enge des überfüllten Palastes kommt es häufig zu Streitereien. Viele der Menschen waren in Afrika jahrzehntelang in Kriege gegeneinander verwickelt. Nun müssen sie zusammen unter einem Dach leben. Da kann ein banales Wortgefecht um einen Schlafplatz schnell eskalieren.

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