Flüchtlinge in Syrien : "Die Stabilität der ganzen Region könnte schaden nehmen"

In Berlin beraten Vertreter von 40 Nationen über die Lage der syrischen Flüchtlinge. Die ist laut den Vereinten Nationen dramatisch. Ein Gespräch mit Muhannad Hadi vom Welternährungsprogramm über den Hilfsbedarf, gekürzte Rationen und den steigenden Einfluss von Extremisten.

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Ohne Hoffnung, ohne Perspektive: Syrische Flüchtlinge in einem Aufnahmelager an der türkischen Grenze.
Ohne Hoffnung, ohne Perspektive: Syrische Flüchtlinge in einem Aufnahmelager an der türkischen Grenze.Foto: AFP

Herr Hadi, zehntausende Menschen sind schon aus dem umkämpften Kobane geflohen. Und täglich werden es mehr Schutzsuchende, die Unterstützung brauchen. Können die Helfer diesen Ansturm überhaupt noch bewältigen?
Seit September haben mehr als 200 000 Flüchtlinge aus dem syrischen Kobane die türkische und irakische Grenze überquert. Dabei haben wir ohnehin Schwierigkeiten, den mehr als sechs Millionen Vertriebenen in Syrien und den Flüchtlingen in den Nachbarländern mit ausreichend Nahrung zu helfen – ganz zu schweigen von Neuankömmlingen. Wir sind ernsthaft besorgt, dass der Zustrom neuer Flüchtlinge unsere Kapazitäten übersteigen wird – der Hilfsbedarf wächst, während unsere Vorräte schrumpfen und das Geld schwindet. Wir sind auf die Großzügigkeit der Geberländer angewiesen, damit diese Menschen, die dem Horror entfliehen konnten, keinen Hunger leiden müssen.

Das Welternährungsprogramm musste aus Geldmangel bereits die Rationen für Vertriebene innerhalb Syriens um 40 Prozent kürzen. Was bedeutet das für die Betroffenen?
Die Krise dauert nun schon bald vier Jahre. Und von Anfang an hat das Geld nie wirklich ausgereicht. Jetzt ist es noch schlimmer geworden, weil uns finanzielle Mittel erst zu spät erreicht haben. Wir waren deshalb gezwungen, unsere Hilfe dramatisch zu kürzen. Seit Oktober muss jeder Bedürftige pro Tag mit 1140 Kalorien auskommen.

Muhannad Hadi (48) koordiniert für das Welternährungsprogramm der UN die Nothilfe in Syrien.
Muhannad Hadi (48) koordiniert für das Welternährungsprogramm der UN die Nothilfe in Syrien.Foto: WFP/Syrien

Welche Folgen hat das für die Menschen?
Zum Beispiel steigt das Risiko, dass Eltern sich gezwungen sehen, ihre Kinder früh zu verheiraten oder zum Betteln zu schicken. Oder sie müssen arbeiten gehen. Dabei könnte es ihnen drohen, ausgebeutet zu werden. Und sie haben keine Möglichkeit, zur Schule zu gehen. In Syriens Nachbarländern konnten wir im Oktober für fast zwei Millionen Flüchtlinge die Kürzungen der Nahrungsmittel-Gutscheine verhindern. Doch der Monat endet in drei Tagen. Ohne weitere finanzielle Unterstützung müssen wir die Ernährungshilfe im November und Dezember in der gesamten Region kürzen – genau dann, wenn der Winter einbricht.

Den im Bürgerkriegsland lebenden Menschen zu helfen, gilt als besondere Herausforderung. Wie können Sie diese meistern?
Das Welternährungsprogramm der UN ist die größte humanitäre Organisation, die in Syrien arbeitet. Zusammen mit dem Syrisch-Arabischen Roten Halbmond und mehr als zwei Dutzend weiteren Partnerorganisationen bringen wir jeden Monat 60 000 Tonnen Nahrungsmittel nach Syrien. Das bedeutet auch, mehr als 3000 Lastwagen durch hunderte Checkpoints von Regierungstruppen und bewaffneten Gruppierungen zu manövrieren.

Reicht das aus?
Nein. Der Bedarf ist riesig, wir konnten bisher noch nie genug Notrationen ins Land bringen, um alle vertriebenen Syrer zu erreichen. Viele Teile des Landes sind weiterhin belagert, 245 000 Menschen von jeder Hilfe abgeschnitten.

Ein Ende des Konflikts ist nicht in Sicht. Gleichzeitig fehlt das Geld, um die Not adäquat zu bekämpfen. Klingt nach einer düsteren Zukunft für die syrischen Flüchtlinge.
Ohne eine politische Lösung müssen wir davon ausgehen, dass sich die Lage für die Millionen Betroffenen in Syrien und jene, die in den Nachbarländern Zuflucht gesucht haben, weiter verschlechtern wird. Da sie wenig Aussicht haben, nach Hause zurückzukehren und es für sie oft nicht möglich ist, eine Arbeit zu finden, werden zig tausende Flüchtlinge weiterhin stark von externer Hilfe abhängig sein. Aber wenn wir unsere Rationen weiter kürzen müssen…

Dann?
Könnten andere Gruppierungen, vor allem extremistische, ihren Einfluss ausbauen. Die kollektive Unfähigkeit, das zu verhindern, wird nicht nur den Vertriebenen schaden, sondern auch den Gemeinden, in denen sie Schutz gesucht haben - und der Stabilität der gesamten Region.

 

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