Flüchtlinge : Neue deutsche Gelassenheit

Die Flüchtlinge werden unser Land verändern? Sie haben es bereits. Deutschland geht erfrischend unaufgeregt mit der steigenden Zahl der Schutzsuchenden um. Ein Kommentar.

von
Eine freiwillige Helferin verteilt am Münchner Hauptbahnhof Stofftiere an Flüchtlingskinder. Foto: Nicolas Armer/dpa
Eine freiwillige Helferin verteilt am Münchner Hauptbahnhof Stofftiere an Flüchtlingskinder.Foto: Nicolas Armer/dpa

Die Welt zu Gast bei Freunden. Dieser Satz ist neun Jahre alt, er war der Slogan des perfekten Sommers im Jahr 2006. In diesem klimatisch fast ebenso perfekten Sommer 2015 trifft er ebenfalls zu – und auch wieder nicht. Die Hunderttausenden von Flüchtlingen, die seit Wochen in dieses Land kommen, treffen auf eine mehrheitlich gastfreundlich gesinnte Bevölkerung. Die Willkommenskultur ähnelt der von vor neun Jahren enorm. Doch zu Gast sind die Flüchtlinge eher nicht. Die meisten wollen bleiben, sie gehen nach Ende des "Sommermärchens" nicht einfach wieder zurück.

Die Zahl der Asylsuchenden verdoppelt sich derzeit fast im Monatstakt. Eine Million Flüchtlinge werden nun offiziell bis Ende des Jahres in Deutschland erwartet – und manche, wie der Berliner Sozialsenator Mario Czaja, sprechen offen schon von mehr als einer Million. Konfrontiert mit dieser Realität, mit verzweifelten Menschen, die an den Grenzen Einlass fordern, mit einer Politik, die mühsam darum ringt, die Kontrolle wieder zu erlangen, reagieren die Deutschen mit beeindruckender Hilfsbereitschaft. Und mit viel Gelassenheit.

Der zeitweise Kontrollverlust führt nicht, wie man vielleicht hätte erwarten können, zu großem Chaos, zu Angst und Ablehnung, sondern zu Spontaneität, Kreativität und einem gigantischem Engagement der Bürger.

Allein diese Zahl sagt viel aus: Bei der Notunterkunft der Berliner Stadtmission in der Kruppstraße, in der bis zu 300 Flüchtlinge unterkommen können, gibt es nach Angaben ihres Leiters Mathias Hamann zwölf feste Stellen. Auf diese erschreckend geringe Zahl kommen laut Hamann 1200 ehrenamtliche Helfer. Eins zu hundert. Beeindruckend, nicht wahr?

Dieses Land, das bisher dafür bekannt war, alles genauestens regeln und alle Risiken minimieren zu wollen, geht erfrischend unaufgeregt mit dieser ungeplanten, in Teilen unplanbaren Situation um. Das Wort von der neuen deutschen Gelassenheit macht die Runde, die Verwunderung darüber lässt sich weltweit nachlesen. Sie geht so weit, dass sich die "Washington Post" gerade die Bundeskanzlerin statt jemanden wie den Republikaner Donald Trump als US-Präsident gewünscht hat.

Es gibt auch viele offene Fragen

Natürlich können die so sprunghaft ansteigenden Zahlen Angst machen, die Fragen liegen ja auf der Hand: Behält die Willkommenskultur die Oberhand, wenn es mit den Asylzahlen erstmal einfach weiter nach oben geht? Wie gut und nachhaltig lassen sich die

Flüchtlinge integrieren? Wie gefährlich werden die sozialen Spannungen, wenn die Konkurrenz um Jobs, Wohnungen, Bildungschancen deutlich zunimmt?

Die Fragen sind da. Und so viel ist sicher: Belastbare Antworten wird es so schnell nicht geben. Daher ist es Aufgabe der Politik, aber auch der anderen Verantwortlichen in Wirtschaft, Kultur, Sport, die Bürger zu ermutigen. Und nicht die Schwachen auf der einen Seite gegen die auf der anderen auszuspielen – wie es der Duisburger Oberbürgermeister gerade getan hat, als er anbot, syrische Bürgerkriegsflüchtlinge gegen "Osteuropäer" zu tauschen. Von rechten Hetzern ganz zu schweigen.

Viele Sorgen sind nachvollziehbar. Aber es ist schön zu sehen, dass in diesen aufregenden Tagen nicht die typisch deutsche Zukunftsangst die Stimmung dominiert. Obwohl nicht klar ist, was beziehungsweise wer noch kommt: Viele Bürger packen einfach an, und sie haben Freude dabei. Sie ertragen die Unsicherheit, den zeitweisen Kontrollverlust souverän. Sie haben akzeptiert, dass die Menschen hierher kommen, egal, was wir tun. Und: Rechte Parteien profitieren Umfragen zufolge derzeit allenfalls regional von der Flüchtlingsfrage.

Woher kommt die Gelassenheit?

Woran liegt das? Am perfekten Sommer? Den guten wirtschaftlichen Daten samt der erfreulich niedrigen Arbeitslosigkeit? Einer unaufgeregten Kanzlerin und dem Konsensmodell große Koalition?

Sicher: Angela Merkel versucht das ihre, die Menschen zu ermutigen, zu zeigen, dass man sich nicht beirren lassen darf. Dass Flexibilität auf einmal "typisch deutsch" sein kann, typischer als die gewohnte deutsche Gründlichkeit. Häufig wirkt es aber auch so, als ob die Bürger die Politik, allen voran die Kanzlerin, vor sich her treiben. Das muss nichts Schlechtes sein, im Gegenteil.

Deutschland im Sommer 2015: Hat sich da, 25 Jahre nach der Einheit, ein Land endlich gefunden – und ist sich seiner so sicher, dass es nicht mehr um seine Identität fürchtet, nur weil Menschen aus anderen Kulturkreisen hinzukommen? Noch ist es nur ein Anfang. Aber der ist vielversprechend.

Autor

60 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben