Flüchtlinge : Wie sich Griechen und Türken plötzlich näher kommen

Die traditionell verfeindeten Länder Griechenland und Türkei finden plötzlich zueinander - wegen der Flüchtlingsfrage.

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Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras und Türkeis Regierungschef Ahmet Davutoglu.
Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras und Türkeis Regierungschef Ahmet Davutoglu.Foto: REUTERS

Wunder brauchen manchmal etwas länger. Zum ersten Mal seit Gründung der Türkischen Republik hat ein griechischer Ministerpräsident die westtürkische Hafenstadt Izmir an der Ägäis besucht – dabei war das frühere Smyrna lange ein Zentrum der Griechen in Kleinasien. Doch seit Jahrzehnten steht Izmir wie keine andere Stadt für die bittere Feindschaft zwischen Griechen und Türken. Nun kam Alexis Tsipras nach Izmir, um mit seinem Amtskollegen Ahmet Davutoglu zu sprechen: Das gemeinsame Interesse beider Nachbarn an einer Lösung der Flüchtlingskrise lässt die ungelösten Probleme in den Beziehungen in den Hintergrund treten.

Im Mai 1919 landeten 20.000 griechische Soldaten im damaligen Smyrna und stießen Richtung Osten vor: Nach dem Zusammenbruch des Osmanenreiches im Ersten Weltkrieg wollte Athen große Teile der heutigen Westtürkei erobern. In einem Krieg, der bis 1922 dauerte, schlugen die Türken unter dem späteren Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk die Angreifer zurück. Die Rückeroberung von Smyrna, bei der viele Griechen ums Leben kamen, besiegelte die Niederlage Griechenlands. Ein später vereinbarter Bevölkerungsaustausch sorgte dafür, dass im heutigen Izmir kaum noch Griechen leben.

Tsipras‘ Besuch war also von großer symbolischer Bedeutung, doch geriet die historische Dimension angesichts der aktuellen Probleme fast in Vergessenheit. Allein seit Jahresbeginn sind laut UN-Angaben mehr als 130.000 Flüchtlinge von der Türkei über die Ägäis nach Griechenland gelangt, im vergangenen Jahr waren es 800.000. Seit der faktischen Schließung der Balkanroute stauen sich zehntausende Menschen auf griechischem Boden.

Gemeinsame Antwort auf die Flüchtlingsfrage

Auch für die Türkei wird die Massenflucht immer mehr zu einem Problem. Wie Davutoglu nach dem Gipfel von Brüssel sagte, geht es längst nicht mehr nur um syrische Flüchtlinge: Rund die Hälfte der Menschen, die in Griechenland ankommen, sind Afghanen, Iraker, Iraner und Pakistaner. Die Türkei zieht immer mehr Durchreise-Migranten an. Das könne so nicht weitergehen, sagt Davutoglu: Auch die Türkei will den Flüchtlingsstrom über die Ägäis stoppen.

Türkei und Griechenland hätten eine „gemeinsame Antwort“ auf die Flüchtlingsfrage, sagte der türkische Premier. Ziel sei es, die illegale Migration zu bekämpfen. Auch Tsipras betonte, der „untragbare Zufluss“ von Flüchtlinge müsse gestoppt werden. Schon in Brüssel hatte er mit Davutoglu über den türkischen Vorschlag gesprochen, alle Flüchtlinge aus Griechenland zurückzunehmen. Die türkische EU-Botschaft verbreitete ein Foto, das die beiden Politiker auf einem Gang am Rande des Gipfels in einem intensiven Vieraugengespräch zeigte.

Beide Länder wollten mehr zur Bekämpfung des Schlepperunwesens in der Ägäis tun, sagte Tsipras nun. Davutoglu nannte er „meinen Freund Ahmet“. Dieser sagte, das Treffen in Izmir unter Beteiligung von 22 Ministern sei wie eine gemeinsame Kabinettsitzung gewesen. Eine „psychologische Schwelle“ sei überwunden.

Auch konkret planen die Nachbarn eine engere Zusammenarbeit. Vorgesehen sind Hochgeschwindigkeitszüge zwischen Istanbul und der nordgriechischen Metropole Thessaloniki. Auch die Fährverbindungen sollen ausgebaut werden.

Bilaterale Probleme gebe es aber weiterhin, räumte Davutoglu ein. So erschwerten die ungeklärten Gebietsansprüche beider Länder in der Ägäis erst kürzlich die Gespräche über die Nato-Mission zur Bekämpfung der Schlepper in dem Gewässer: Die Seegrenze zwischen Griechenland und der Türkei in der Ägäis ist nie verbindlich festgelegt worden. Für Dauerstreit sorgt auch der Zypern-Konflikt.

Eine engere Zusammenzuarbeit sei dennoch möglich, sagte Davutoglu. Die Parlamente beider Länder sollten die vor 20 Jahren wegen der Gebietsstreitigkeiten in der Ägäis beschlossenen gegenseitigen Kriegsdrohungen aufheben, forderte er. „Die Wörter ‚Streit‘ und ‚Krieg‘ sollten aus unserem Wortschatz getilgt werden.“

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