Flüchtlingsdrama : Das Ende eines großen Traums

Die Opferzahl nach dem Sinken eines Flüchtlingsschiff vor Tripolis ist weiter unklar. Nach Lampedusa gelangte Afrikaner erzählten von schwimmenden Wrackteilen und zahlreichen Leichen.

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Sie haben es geschafft. Ein Flüchtlingsschiff aus Nordafrika legt auf der italienischen Insel Lampedusa an. Doch viele erreichen Italien nie.
Sie haben es geschafft. Ein Flüchtlingsschiff aus Nordafrika legt auf der italienischen Insel Lampedusa an. Doch viele erreichen...Foto: Ettore Ferrari/dpa

Auch drei Tage nach der Flüchtlingstragödie vor der libyschen Küste gab es am Montag noch wenig Klarheit über die Zahl der Opfer. Nach Lampedusa gelangte Afrikaner hatten berichtet, ein mit gut 600 bis 800 Flüchtlingen überladenes, kaum mehr hochseetaugliches Boot sei am Freitag, eine Stunde nach der Abfahrt von Tripolis, gekentert. Der somalische Botschafter in Tripolis sprach von 16 toten Landsleuten und „zahlreichen Vermissten“. Für das UN-Flüchtlingshilfswerk erklärte die italienische Sprecherin Laura Boldrini am Montag in Rom, andere Informationsquellen gebe es derzeit nicht; mehr Details seien nicht bekannt.

Die Internationale Migrationsorganisation (IMO) berichtet von einer überlebenden Somalierin, die von der IOM-Mitarbeiterin Daria Storia auf Lampedusa befragt worden ist. Die Frau berichtete Storia, sie sei auf dem gesunkenen Schiff gewesen und habe ihr Baby verloren. Sie sei dann an Land geschwommen und habe dort ein weiteres Schiff nach Italien bestiegen. „Sie hatte einen Schock“, sagte Storia. „Sie war desorientiert und verstört.

Derzeit brechen nach Angaben Boldrinis in erster Linie Eritreer, Somalier und Schwarzafrikaner von Libyen aus in Richtung Italien auf; libysche Staatsbürger indes sind nicht dabei. Vielmehr handelt es sich um Flüchtlinge, die nach Durchquerung der Sahara bereits seit Monaten oder Jahren an der Südküste des Mittelmeers auf eine Gelegenheit zur Überfahrt warten. Ihre Lebenssituation, so Boldrini, sei „sehr schwierig“. Mitarbeiter des Flüchtlingshilfswerks auf Lampedusa hatten unlängst erzählt, Schwarzafrikaner würden in Libyen für angeworbene Söldner Gaddafis gehalten und blutig verfolgt; viele trauten sich aus Angst vor Gewalt und aus Sorge um ihre Familien nicht mehr aus ihren Häusern. Etliche Schwarzafrikaner hatten von Libyen aus offenbar auch schon direkten telefonischen Kontakt mit dem UNHCR in Italien aufgenommen.

Flüchtlinge aus Libyen haben der IOM berichtet, dass sie teilweise nichts für die Überfahrt bezahlen mussten. Einige sprachen sogar davon, sie seien von libyschen Soldaten auf die Boote gezwungen worden. Einige hätten nach dem Sinken des Schiffs Angst bekommen, daraufhin hätten die Soldaten in die Luft geschossen und sie nicht wieder an Land gelassen. Die IOM schreibt, dies sei das erste Mal, dass Flüchtlinge von Drohungen durch Soldaten berichten. Aber viele hätten erzählt, dass die Soldaten ihnen ihr Geld und ihre Mobiltelefone abgenommen hätten. Andere berichteten, sie hätten für die Überfahrt die normalen Tarife bezahlt.

Anders als die Einwanderer aus Tunesien sind die Flüchtlinge aus Libyen in aller Regel nicht in der Lage, ein seetüchtiges Boot zu kaufen und günstige Wetterbedingungen abzuwarten. Warum gerade im Augenblick so viele aufbrechen, kann sich Laura Boldrini nicht erklären. Gewiss, sagt sie, habe Oberst Gaddafi gedroht, Europa mit Flüchtlingen zu überschwemmen, aber ob die Ankünfte politisch gesteuert seien, lasse sich nicht sagen. Boldrini nimmt eher an, „dass in den libyschen Häfen keinerlei Kontrolle mehr existiert“. Nur die Schleuser, sagt die Italien-Sprecherin des UNHCR, verrichteten weiter ihr Geschäft. Sie schickten die Schwarzafrikaner „bewusst in den Ruin“, indem sie die Flüchtlinge auf schlechte, ausgediente, abgewrackte Boote setzten.

Seit März sind aus Libyen neben 30 000 Tunesiern 11 000 weitere Flüchtlinge aus dem Land in Italien angekommen. Es gilt als sicher, dass mehr Personen aufgebrochen, aber niemals angekommen sind. In den 23 Jahren zuvor, so die Zahlen der Organisation „Fortress Europe“, sind allein zwischen Tunesien, Libyen und Italien, 4250 Personen beim Versuch ertrunken, europäisches Ufer zu erreichen. Auch die spektakuläre Rettungsaktion, bei der am Sonntag morgen mehr als 500 Flüchtlinge vor den Klippen Lampedusas mit einer Menschenkette aus dem Wasser gezogen worden sind, ist nicht so glimpflich abgelaufen, wie behauptet: Unter dem Wrack des gestrandeten Bootes wurden am Montag die Leichen von drei etwa 25-jährigen Flüchtlingen geborgen. (mit deh)

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