Flüchtlingskrise : "Das Überleben der Zivilbevölkerung zählt nicht mehr"

Europa habe in der Syrienkrise viel zu spät reagiert, kritisieren die großen Hilfsorganisationen auf einer Pressekonferenz in Berlin.

Julia Beil
Eine politische Lösung müsste her: Darin sind sich die Hilfsorganisationen einig.
Eine politische Lösung müsste her: Darin sind sich die Hilfsorganisationen einig.Foto: Kay Nietfeld/ dpa

Rund 60 Millionen Menschen sind nach Angaben der Vereinten Nationen derzeit weltweit auf der Flucht. Um diese Zahl nicht noch weiter ansteigen zu lassen, muss an den Ursachen für die Flüchtlingsströme gearbeitet werden. Darüber sind sich Experten einig. terre des hommes, Brot für die Welt und die Welthungerhilfe leisten in vielen Krisenstaaten humanitäre Hilfe – langfristig wird das aber nicht ausreichen. Auf einer Pressekonferenz am vergangenen Mittwoch in Berlin gaben die drei großen Hilfswerke Einblicke in ihre Arbeit und sparten auch nicht mit Kritik an den politischen Akteuren in der Flüchtlingskrise.

Europas Flüchtlingspolitik - "ein Skandal"

Die Krise im Nahen Osten bringt die Hilfswerke an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Es sei "ein Skandal", dass Europa erst zu einem Zeitpunkt reagiere, an dem es selbst massiv von den steigenden Flüchtlingszahlen betroffen sei, sagte Cornelia Füllkrug-Weitzel. Die Präsidentin von "Brot für die Welt" warf der europäischen Politik Kurzsichtigkeit vor. Es habe schon viel früher Zeitpunkte gegeben, um gefährliche Dynamiken in Krisenstaaten wie Syrien zu erkennen und gewaltfrei zu intervenieren.

Die EU trage außerdem eine Mitschuld an den steigenden Flüchtlingszahlen des vergangenen Jahres. Es sei versäumt worden, dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR und dem Welternährungsprogramm ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen. Die Konsequenz: In den Nachbarländern Syriens mussten Nahrungsmittelrationen für Flüchtlinge gekürzt werden. Was momentan geschehe, sei "das Gegenteil von Fluchtursachenbekämpfung": Das humanitäre Völkerrecht gelte nicht mehr, die Genfer Flüchtlingskonvention werde massiv ausgehebelt. Das sehe man beispielsweise an Angriffen auf Krankenhäuser in Syrien.

Ein Zugang zu den Opfern ist oft nicht möglich

"Das Überleben der Zivilbevölkerung zählt nicht mehr", resümiert sie. Hilfe sei mancherorts überhaupt nicht mehr oder nur noch "punktuell und kurzfristig" möglich. Bestimmte Gebiete würden entweder durch die syrische Regierung, Terrororganisationen wie den "Islamischen Staat" (IS) oder andere Konfliktparteien blockiert, ein humanitärer Zugang zu Kriegsopfern so verweigert. Das mache Verhandlungen und eine politische Lösung zwingend nötig. Doch das ist gar nicht so einfach. Die Organisationen wüssten oft nicht einmal, wem genau man in Syrien durch militärische Aktionen eigentlich nützt. Jordanien komme dabei als einem der wenigen sicheren Fluchtorte eine wichtige Bedeutung zu.

Dieckmann argumentierte in eine ähnliche Richtung: Sie lobte die Türkei, die trotz ihrer eigenen Konflikte bisher zweieinhalb Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen hat – die drei Milliarden Euro, die die EU zur Verbesserung der Lage der Flüchtlinge im Land versprochen hat, könnten jedoch "eventuell nicht reichen".

Gefahr einer "verlorenen Generation"

Albert Recknagel von terre des hommes erinnerte daran, dass die Hälfte der 60 Millionen Menschen, die momentan auf der Flucht seien, Kinder und Jugendliche seien. Neben ausreichenden Bildungsangeboten bräuchten diese vor allem psychosoziale Betreuung, um die traumatisierenden Kriegserlebnisse zu verarbeiten. Man dürfe nicht riskieren, dass eine "verlorene Generation" entstehe. Er verwies außerdem auf die Rolle Deutschlands als "Projektland". Flüchtlinge dürften hierzulande nicht bloß "verwaltet" und "auf Abstand gehalten" werden – man müsse auf langfristige Integration setzen. Dazu müssten auch die Herkunftsländer der Flüchtlinge selbst mit der Frage nach Lösungsansätzen zu befassen. Deren Regierungen und die dort verbliebenen zivilgesellschaftlichen Organisationen müssten handeln. Doch wie das in von Krieg und Terror gebeutelten Krisenregionen funktionieren soll, kann auch der terre des hommes-Vorstand nicht sagen.

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