Flüchtlingskrise : Syriens Trümmerfrauen

In Jordanien lernen weibliche Flüchtlinge Klempner, um die Heimat wiederaufzubauen – und die Wasserknappheit zu bekämpfen.

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Bildung am Waschbecken. Die GIZ bildet in Jordanien syrische Flüchtlingsfrauen zu Klemperinnen aus.
Bildung am Waschbecken. Die GIZ bildet in Jordanien syrische Flüchtlingsfrauen zu Klemperinnen aus.Foto: Photothek/GIZ

Asia dreht das schwere Waschbecken mithilfe der anderen Frauen, um an den Befestigungsring der Armatur zu kommen. Mit strengem Blick schaut Brigitte Schlichting zu. „Gut so“, sagt sie und nickt der Syrerin zu. Asia lächelt unterm schwarzen Kopftuch. Beide stehen mit elf anderen Syrerinnen an den Werkbänken der Hakam-Berufsschule in Irbid, der zweitgrößten Stadt Jordaniens. Was die 53-jährige Berlinerin und die 39-jährige ehemalige Friseurin aus Homs verbindet, ist eine Leidenschaft: Der Beruf der Sabaka, der Klempnerin.

Schlichting ist seit mehr als 30 Jahren in dem für Frauen auch in Deutschland nicht alltäglichen Job unterwegs, betreibt in Berlin eine Ein-Frau-Firma. Asia will Klempnerin werden und – wenn sie irgendwann in ihre Heimat zurückkehren kann – beim Wiederaufbau des nahezu komplett zerstörten Homs helfen. „Wie die Trümmerfrauen damals in Deutschland“, sagt sie. „Und selbstständig arbeiten unabhängig vom Einkommen eines Mannes“, fügt sie hinzu und schraubt weiter an der Armatur. Die gefährliche Flucht nach Europa hat Asia nie erwogen. Jordanien ist nahe, die Kultur identisch und nach Ende des Krieges ist man schnell wieder in der Heimat.

Offiziell dürfen die Flüchtlinge nicht arbeiten

Schon jetzt praktiziert die kleine, energische Frau ihre ersten Kenntnisse, die sie in der ersten Woche im Kurs von Brigitte Schlichting gelernt hat. Sie hilft Freunden und Verwandten, verschafft sich so ein zusätzliches Einkommen zu den 20 Dinar (umgerechnet knapp 25 Euro), die Hilfsorganisationen den Flüchtlingen pro Kopf und Monat gewähren. Offiziell arbeiten dürfen sie nicht. In ihrer kleinen Wohnung in Irbid, die sie nach ihrer gefährlichen Flucht aus Homs zusammen mit ihren sechs Kindern kurz nach Ausbruch des Krieges 2011 gefunden hat, hat sie den Wasserhahn auseinandergebaut und undichte Stellen beseitigt. Längst wagt sich Asia an kompliziertere Arbeiten. „Als die Neonröhre defekt war, habe ich die Lampe demontiert. Anschlussdrähte waren locker. Kein Problem.“

Asia profitiert von einem der zahlreichen Projekte der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) zur Bekämpfung auch der Flüchtlingskrise. Seit gut einem Jahr kommt es syrischen und jordanischen Frauen und Männern zugute und zielt auf zwei Aspekte: Neue Berufsperspektiven und Eindämmung eines der gravierendsten Probleme in einem der wasserärmsten Länder der Erde. 40 Prozent des Wassers, sagt GIZ-Experte Daniel Busche, gehen jedes Jahr in Jordanien durch defekte Armaturen und marode Leitungen als auch in den Häusern und Wohnungen verloren. 1,55 Millionen Euro hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) für drei Jahre bereitgestellt. Insgesamt knapp 300 Frauen und Männer, davon etwa 40 Prozent syrische Flüchtlinge, werden unterrichtet. Am Ende erhalten alle eine Klempnerkiste mit Werkzeug. Schließlich wollen sich viele wie Asia selbstständig machen oder sich zu einer Klempnerinnen-Kooperative zusammenschließen.

Die Frauen haben sich Respekt erarbeitet

Brigitte Schlichting ist das Vorbild. Die Berlinerin ist die Expertin der GIZ. Zwei bis drei Mal im Jahr kommt sie für wenige Wochen nach Irbid und treibt das Vorhaben voran. Motiviert die Frauen, stärkt ihr Selbstbewusstsein und ihre Rolle in einer islamischen, von Männern dominierten Gesellschaft. Die haben, wie Asia sagt, die Idee einer Klempnerin erst für absurd gehalten: „Das sei einfach körperlich viel zu schwer für uns, haben sie gesagt.“ Die Frauen haben dagegen gehalten. Und sich den Respekt der Männer erarbeitet. „Nicht wenige von ihnen haben zwei linke Hände und machen beim Reparieren mehr kaputt“, sagt Asia.

Größten Respekt zollt längst auch Hazim El-Naser den Frauen in Irbid. Er ist Minister für Wasser und Bewässerung und hält damit einen der wichtigsten Posten in der Regierung. Pro Kopf und Jahr stehen in Jordanien jedem Einwohner im Schnitt 100 Kubikmeter Wasser zur Verfügung. In Deutschland ist es 20 Mal so viel. 80 Prozent des Landes sind Wüste. „Durch die Flüchtlinge aus Syrien hat sich das Wasserproblem massiv verschärft. Der Wasserbedarf ist mit einem Schlag um ein Viertel gestiegen, im Norden, in den es wegen der nahen Grenze die meisten Syrer verschlagen hat, sogar um 40 Prozent“, sagt El-Naser. Der Grundwasserspiegel sinkt Jahr für Jahr im Schnitt um einen Meter, mitunter um bis zu fünf Meter. El-Naser weiß, dass das alles nicht reicht, zumal nicht absehbar ist, wie lange die rund 640 000 Flüchtlinge – bei einer heimischen Bevölkerung von 6,6 Millionen – in Jordanien bleiben. Doch durch die Schulung von Multiplikatoren wie Imamen und Seelsorgerinnen können über 1,5 Millionen Menschen für das Thema Wasser sensibilisiert werden. Das BMZ stellt daher für drei Jahre 2,5 Millionen Euro für Fortbildungen bereit.

Arbeit in der Moschee? Nur wenn keine Männer anwesend sind

Ob die Frauen auch in der Moschee des Imams El-Khalid arbeiten könnten? Der Geistliche nickt. „Natürlich“, sagt er und seine Miene verrät, dass das einer kleinen Revolution gleichkommt. Wenn keine Männer in der Moschee seien, schränkt er ein. Asia und ihre Mitstreiterinnen wird das nicht stören. Frauen als Klempnerinnen und auch als Wasserbotschafterinnen in der Moschee – auch das ist ein kleiner Schritt im Kampf gegen Wasserknappheit und zur Verbesserung der Lage der syrischen Flüchtlinge. Mehr als 100 Frauen stehen auf der Liste für den nächsten Klempnerinnen-Kurs. Rolf Obertreis

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