Flüchtlingspolitik : Wir schaffen was? Wir schaffen das!

Der prägnante Satz "Wir schaffen das" wird allgemein Angela Merkel zugeschrieben. Dabei haben ihn auch schon andere vor ihr in den Mund genommen. Sigmar Gabriel zum Beispiel.

von
Ein Flüchtling hält am 05.09.2015 auf dem Hauptbahnhof in München ein Foto von Angela Merkel in den Händen.
Ein Flüchtling hält am 05.09.2015 auf dem Hauptbahnhof in München ein Foto von Angela Merkel in den Händen.Foto: Sven Hoppe/dpa

Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“ ist bekanntlich längst angekommen in den noch zu schreibenden Geschichtsbüchern übers 21. Jahrhundert. Dort dürfte er dereinst etwa den gleichen Rang einnehmen wie gut gereifte Premium-Knaller früherer Zeiten, wie die Emser Depesche oder das Chruschtschow-Ultimatum. Welche Lesart sich durchsetzen wird, ist allerdings schwer zu beurteilen: Wir haben zur Auswahl „Weltweit beachtetes Zeichen von Zuversicht und Humanität“ und „Größte anzunehmende Stümperei eines demokratisch legitimierten Regierungschefs“.

Fraglich ist aber noch etwas ganz anderes. Nämlich, ob der Satz, der ja erst in seinem Sinnzusammenhang funkelt, so überhaupt von Angela Merkel erschaffen wurde. Sie sagte ihn bekanntlich vor einem Jahr, am 31. August 2015. Allerdings hatte die SPD schon eine Woche vorher einen Video-Podcast zur Flüchtlingskrise veröffentlicht, in dem ein prominenter Sozialdemokrat ebenfalls sagt: „Ich bin sicher: Wir schaffen das.“ Das war Sigmar Gabriel.

Podcasts, nun ja, haben nicht ganz die Resonanz eines Auftritts vor der Bundespressekonferenz. Aber Gabriel hätte ja mal bei der dpa anrufen, das Ding vorspielen und sich darüber beschweren können, dass die Merkel ihm den Satz geklaut hat und nun statt ihm damit in die Weltgeschichte einmarschiert.

Was er nicht getan hat. Das kann daran liegen, dass er für die darinliegende Botschaft nicht mehr haftbar gemacht werden wollte, oder daran, dass er einfach den Überblick verloren hatte, wo sich seine politische Position gerade befindet. Vielleicht mochte er auch einfach, wie die Kanzlerin von aller Welt langsam gegrillt wurde für ihre vermeintliche Naivität.

Generell lässt sich aber wohl sagen: Es wirkt sympathischer, wenn man einen solchen Satz nicht klammheimlich verschwinden lässt, sondern ihn nach einem Jahr noch einmal anschaut und ein wenig selbstkritisch darüber sinniert, wie es Angela Merkel bekanntlich getan hat.

Allerdings hat auch sie nicht die ganze Wahrheit über ihre Inspirationsquellen gesagt. Wenn wir das in eigener Sache anmerken dürfen: Schon am 30. August, nach Gabriel, aber vor Merkel, endete der Leitartikel jener Berliner Zeitung, die Sie gerade vor sich haben, zum Thema Flüchtlinge mit einem prägnanten Satz: „Aber keine Frage: Wir schaffen das.“ Nur, damit die Geschichtsbücher schon mal Bescheid wissen darüber, wie es wirklich war ...

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

16 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben