Flüchtlingstragödie im Mittelmeer : Kapitän des Unglücksboots verhaftet

Die italienische Polizei hat den Kapitän und einen "Offizier" des Unglücksbootes vom Sonntag festgenommen. Der Kapitän hatte versucht, sich unter den Passagieren zu verstecken. Er wurde aber einwandfrei identifiziert.

Paul Kreiner
Dramatische Rettung vor Rhodos. Flüchtlinge haben sich auf einem Wrackteil zu den Klippen von Rhodos gerettet.
Dramatische Rettung vor Rhodos. Flüchtlinge haben sich auf einem Wrackteil zu den Klippen von Rhodos gerettet.Foto: dpa

Die 27 Überlebenden des großen Schiffsunglücks in den Hafen von Catania gefahren, die geborgenen 24 Leichen zum Begräbnis in Malta abgelegt, am selben Montag 638 weitere Flüchtlinge von sechs Schlauchbooten in libyschen Gewässern gerettet und Dienstag gleich nochmal 446 „boat people“ aus einem leckgeschlagenen Fischkutter vor der Küste Kalabriens befreit: Die Tragödie vom vergangenen Sonntag hat den Alltag im Mittelmeer in keiner Weise unterbrochen. Dazu kamen dann auch noch – weniger alltäglich, aber immer noch im Rahmen des derzeit Möglichen – jene 99 kriegsflüchtigen Syrer, die all ihre Ersparnisse aufgebraucht haben, um sich an Bord einer älteren Luxusjacht an die Südküste Siziliens schleusen zu lassen – „von kompetenten Seeleuten, in voller Sicherheit für unsere Frauen und Kinder“, wie sie sagten, sowie „mit Wasser und Essen im Überfluss“, für 8500 Euro pro Person.

Erfolge vermeldet immerhin die italienische Polizei: Ihr ist es nicht nur gelungen, die drei syrischen Luxus-Skipper an Ort und Stelle zu verhaften, sondern auch den Kapitän und einen „Offizier“ des Flüchtlingsboots, das in der Nacht zum Sonntag mit bis zu 900 Personen an Bord gesunken ist. Der 27jährige Tunesier und der 25jährige Syrer, so teilt die Staatsanwaltschaft im sizilianischen Catania mit, seien von den anderen Überlebenden als Verantwortliche für den Transport zweifelsfrei identifiziert worden. Sie müssen sich jetzt nicht nur für Begünstigung illegaler Einwanderung, sondern vor allem für “vielfache fahrlässige Tötung“ und für „fahrlässigen Schiffbruch“ verantworten.

Auch wie es zu dem bisher schwersten Flüchtlingsunglück im Mittelmeer gekommen ist, glauben die Ermittler inzwischen aus den Angaben der Überlebenden rekonstruieren zu können. Demnach waren nicht nur die Flüchtlinge an Deck schuld, die sich bei der Annäherung des vermeintlich rettenden portugiesischen Containerschiffs “King Jacob“ alle auf eine Seite des Flüchtlingskutters begeben hatten und diesen damit kentern ließen. Darüber hinaus soll der tunesische Kapitän beim Verlassen der Brücke und beim Versuch, sich unter seinen Passagieren zu verstecken, ein falsches Steuermanöver ausgelöst haben; das Boot sei daraufhin gegen das Containerschiff geprallt, teilt die Staatsanwaltschaft mit. 

Überlebende werden abgeschirmt

Vor den Medien werden die Überlebenden bis auf weiteres abgeschirmt, nicht nur, weil man den „zwar gesundheitlich stabilen, von ihren Erlebnissen aber traumatisierten Personen“ eine solche Belastung ersparen will, sondern auch weil die Justizbehörden mit ihren eigenen Verhören auf der Suche nach der Wahrheit über das Boot noch nicht fertig sind.

Wie viele Menschen beim dem Unglück ertrunken sind, wird man wohl nie mehr feststellen können. Die Staatswälte gehen von 850 Personen an Bord aus, unter ihnen – laut Überlebenden – auch 200 Frauen und 50 Kinder. Die Toten will Malta am kommenden Montag im Rahmen einer interreligiösen Feier bestatten. Schon jetzt berichten Medien von einer sehr starken Anteilnahme der Malteser, die Blumensträuße vor den Särgen ablegten.

Minderjährige befinden sich auch unter den Überlebenden der Tragödie: zwei aus Bangla Desh, ein Eritreer, ein Somalier. Ihren Angaben zufolge sind sie alle 17 Jahre alt. Sie sollen – wie in Italien üblich – in speziellen Aufnahmeeinrichtungen für Jugendliche untergebracht werden. Unter den mittlerweile 25.000 Flüchtlingen, die dieses Jahr bereits in Italien angekommen sind, wurden nach Angaben der Hilfsorganisation „Save the Children“ insgesamt etwa 2000 Minderjährige gezählt; mehr als 1300 seien unbegleitet gereist oder hätten ihre Angehörigen auf der Flucht verloren. Unter den Leichen, die Fischer, Küstenwache und andere Helfer am Sonntag aus dem Meer südlich von Malta hatten bergen müssen, soll auch die eines „höchstens Dreizehnjährigen“ gewesen sein.

Unterdessen wird immer deutlicher, dass die am Montag ausgehobene Schleuserbande ihre „Arbeitsbasis“ ausgerechnet in einem sizilianischen Aufnahmelager hatte: im größten seiner Art in Europa, in der Nähe von Catania. Einer der Verhafteten hatte als Asylbewerber sogar eine reguläre Aufenthaltsbewilligung für Italien.

Im Lager Mineo organisierten die Afrikaner, die gleichzeitig und gut organisiert in Libyen, Italien und Deutschland tätig waren, nicht nur den Weitertransport von interessierten Flüchtlingen nach Mitteleuropa – bevorzugt per Linienbus, weil dort die wenigsten Kontrollen zu befürchten waren –, vielmehr holten sie in diesem Lager auch vorgebuchte eigene „Kunden“ aus allen sizilianischen Anlegestellen zusammen, und ließen sie auf Staatskosten einkleiden und so lange verpflegen, bis sie die nächste Rate für ihre Reise bezahlen konnten.

Ohne Vorauszahlung – teils von Angehörigen in den Herkunftsländern geleistet, teils von Landsleuten in Europa – habe das „perfekt organisierte Reisebüro der Schleuser“ keine Leistungen erbracht, sagen die Ermittler. Und, das Geld einmal kassiert, sei ihnen das Schicksal ihrer Kunden egal gewesen.  „Besorgt über ein Schiffsunglück mit etwa 260 Toten“, so die Staatsanwaltschaft, habe sich ein Schleuser am Telefon allein deswegen geäußert, weil auf diese Weise weitere Einnahmen nicht mehr zu erwarten gewesen seien.

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