Politik : Flüchtlingstragödie vor Lampedusa

Italien kämpft gegen wachsende Migrationsströme / Rom setzt auf gemeinsame europäische Seepatrouillen

Paul Kreiner[Rom]

Samstagnacht, Dunkelheit, kräftiger Südwestwind, mittlerer Seegang. Vor der italienischen Insel Lampedusa, auf halbem Weg zwischen Europa und Afrika gelegen, entdeckt die Militärfregatte „Minerva“ das etwa zweihundertfünfzigste Flüchtlingsboot des Jahres. Es kommt aus Libyen, wie fast alle. 120 Maghrebiner und Eritreer, dicht gedrängt, streben auf ihm nach Europa. Die Motoren sind offenbar ausgefallen.

Beim Versuch, die Menschen an Bord zu holen, rammt die „Minerva“ den Bug des Motorbootes. War es die Wucht dieses Zusammenstoßes oder waren es die Afrikaner selbst, die sich alle auf einer Seite ihres Bootes gesammelt hatten und es in starke Schieflage brachten? Die Augenzeugen erzählen Unterschiedliches. Das Boot jedenfalls kippte. Den italienischen Marinesoldaten gelang es, 70 Insassen lebend zu bergen. Zehn zogen sie tot aus dem Wasser, 40 gelten als vermisst. Es sollte nicht das einzige Unglück bleiben: Während die Suche nach weiteren Opfern andauerte, kenterte am Sonntag ein mit mindestens 30 Menschen besetztes Boot vor der zwischen Sizilien und Libyen gelegenen Insel. Die Besatzung eines Marineflugzeugs machte nach Angaben eines Sprechers zehn Leichen im Meer aus. Etwa zehn Flüchtlinge seien gerettet worden. Währenddessen landeten zwei weitere Kähne auf Lampedusa. 93 Personen hatten die Überfahrt ohne Hilfe geschafft.

12 102 solch „illegaler Einwanderer“, meldet Italiens Innenminister Giuliano Amato, seien in den ersten sieben Monaten dieses Jahres bereits an den diversen Küsten Siziliens aufgegriffen worden. 2005 waren es in diesem Zeitraum nur 10 119. Den Anstieg hält Amato dennoch für „begrenzt“ – gemessen an den Vorjahren: Zwischen 2004 und 2005 hatte sich die Zahl der Bootsflüchtlinge von 13 594 auf 22 824 weit stärker erhöht.

Minister Amato hebt den Unterschied so stark hervor, weil die Opposition polemisiert, die neue Regierung reiße „alle Dämme ein“. Das linksliberale Kabinett von Romano Prodi, seit Mai im Amt, plant in der Tat Erleichterungen für Zuwanderer: Wollte die vormalige Regierung Berlusconi, zu noch größeren Öffnungen gedrängt durch Forderungen aus der Wirtschaft, dieses Jahr wenigstens 170 000 Illegale mit regulären Arbeitserlaubnissen ausstatten, so legalisiert Prodi alle 520 000, die ihren Antrag bereits gestellt haben. Die Familienzusammenführung wird vereinfacht, der Weg zur Staatsbürgerschaft verkürzt. Paolo Ferrero, Minister „für nationale Solidarität“, will die legale Zuwanderung generell erleichtern, um die illegale zu bremsen. Die Opposition kritisiert, Ankündigungen dieser Art dienten lediglich dazu, neue Menschenströme ins Land zu lenken.Dabei stellen die Bootsfahrten übers Mittelmeer, so spektakuläre Bilder sie liefern, nur den kleinsten Teil der illegalen Zuwanderung dar: 13 bis 14 Prozent. Die große Masse reist übers Festland nach Italien ein.

Die gefährlichen Reisen übers Meer hat bisher nichts bremsen können. Die Regierung Berlusconi am einen Ufer und Machthaber Ghaddafi am anderen vereinbarten zwar eine engere Zusammenarbeit. Italien bildete libysche Grenzschützer aus und stellte technische Einrichtungen, um Schwarzafrikaner schon an Libyens Südgrenzen in der Sahara abzufangen. Libyen willigte ein, italienische Flugzeuge mit den umgehend zurückgeschickten Einwanderern landen zu lassen – wo diese Menschen letztendlich blieben und ob nicht etliche von ihnen ein Recht auf Asyl gehabt hätten, ist eine andere Frage.

Mehr Erfolg verspricht sich die neue Regierung in Rom von gemeinsamen europäischen Seepatrouillen vor den Hoheitsgewässern Libyens. Italien, Malta und Griechenland könnten, so heißt es, schon in den kommenden Wochen damit beginnen. 80 Prozent der Kosten würden von der EU übernommen. Für Ende August ist ein Gipfeltreffen der drei Länder vorgesehen.

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