Flüchtlingswelle : Tödliches Mittelmeer

Immer mehr illegale Einwanderer aus Afrika landen auf Lampedusa. Die Aufnahmelager platzen aus allen Nähten. Viele Flüchtlinge ertrinken schon bei der Überfahrt.

Andrea Dernbach
Flüchtlinge
Eine Afrikanerin wird bei ihrer Ankunft auf Lampedusa von der Küstenwache in Empfang genommen. -Foto: AFP

Italien ist erneut Ziel einer massiven Flüchtlingswelle geworden. Nach italienischen Medienberichten kamen am Freitag in den frühen Morgenstunden zunächst 349 Afrikaner in Lampedusa an. Die Ankömmlinge, unter denen 49 Frauen – auch eine Schwangere – und viele Minderjährige sein sollen, wurden ins Aufnahmelager der Insel gebracht, wo bereits etwa 1600 Menschen kampieren, obwohl es nur für 800 vorgesehen ist. Etwa gleichzeitig landete ein weiteres Schiff mit 60 Flüchtlingen vor den Augen von Touristen und Badegästen am Ferienstrand von Locri in Kalabrien. Ein Boot mit 90 Nigerianern und Senegalesen an Bord wurde wenig später etwa 30 Seemeilen von Lampedusa entfernt gestoppt.

Schon am Donnerstag waren insgesamt 450 Flüchtlinge auf Lampedusa gelandet. Die Kinderhilfsorganisation „Save the children“, die im Lager in Lampedusa arbeitet, hatte in dieser Woche mitgeteilt, dass dort zwischen Mai und Juli bereits 775 Kinder und Jugendliche aufgenommen worden sind. Lampedusa, die größte der sogenannten Pelagischen Inseln vor der Küste Siziliens, liegt der afrikanischen Küste am nächsten und ist deshalb bevorzugter Punkt für Flüchtlinge, die von Tunesien und Libyen aus den Sprung nach Europa versuchen.

Seit Herbst 2006 versuchen die europäischen Staaten deswegen verstärkt, den Flüchtlingen diesen Weg abzuschneiden. Die „Operation Nautilus“ unter Leitung der EU-Grenzagentur Frontex (siehe Kasten) soll seither vor allem Malta und Italien abschirmen, dessen mehr als 300 000 Quadratkilometer Landesfläche zum weit überwiegenden Teil ans Meer grenzen. Die Gewässer zwischen der libyschen und tunesischen Küsten einerseits und Malta und den Inseln Lampedusa, Pantelleria und Sizilien andererseits seien „eine Zone unter großem Migrationsdruck“ und nicht nur Ziel von Flüchtlingsschiffen, sondern auch „Transitpunkt“ für die Weiterreise in nördlichere Teile der EU. So sind an „Nautilus“ auch nicht nur die EU-Mittelmeeranrainer Italien, Malta, Griechenland, Spanien und Frankreich beteiligt, sondern auch Deutschland. Das Budget der Aktion belief sich im vergangenen Jahr auf etwas über fünf Millionen Euro. Nach Angaben von Frontex wurden in diesem Jahr bereits 6491 Überfahrten Richtung Italien gezählt, Richtung Malta waren es 1603.

Flüchtlingsorganisationen und Beobachter werfen der EU vor, dass ihr Grenzregime nicht nur Geld, sondern auch Menschenleben kostet – und zwar immer mehr: In der Straße von Sizilien starben nach Berechnungen von „Fortress Europe“ mindestens 2 962 Menschen auf den Routen zwischen Libyen, Tunesien, der Türkei und Ägypten und den italienischen und maltesischen Zielhäfen. Mehr als die Hälfte von ihnen würden vermisst. „Trotz eines deutlichen Rückgangs der Landungen hat sich die Zahl der Toten 2007 verdoppelt“, heißt es auf der Homepage der Organisation. Frontex rühmt sich der Rettung von Menschenleben: Im Jahre 2007 zum Beispiel habe man 166 Migranten retten können.

Das lassen die Kritiker nicht gelten. Ausgerechnet die Erfolge der Grenzsicherung, so „Fortress Europe“, seien der Grund dafür, dass tatsächlich immer mehr Boat People stürben: Die Schlepper stellten aus Angst vor Strafverfolgung nicht mehr ihre eigenen Leute ans Steuer der Boote, meist wenig Seetüchtige. Sie ließen stattdessen Passagiere selbst steuern, die meist keinerlei Erfahrung hätten. Fischer, die Boote in Seenot träfen, würden seltener helfen, weil sie fürchten, dafür als Menschenhändler zu gelten und in Haft zu geraten oder aber ihre eigenen Boote beschlagnahmt zu bekommen. Außerdem wird kritisiert, dass die stetig perfektionierte Grenzüberwachung der europäischen Staaten die Flüchtlinge und ihre Helfer zu immer gefährlichen Routen übers Meer verleite und dazu, dafür immer kleinere – und meist weniger seetüchtige – Vehikel zu nehmen.

Dabei reißt der Strom nicht ab: Vor 14 Tagen geriet ein Boot mit rund 120 Flüchtlingen an Bord etwa 100 Kilometer vor der libyschen Küste in Seenot. Das UN-Flüchtlingshilfswerk teilte mit, die Menschen hätten drei Tage ohne Wasser und Treibstoff auf hoher See verbracht und seien schließlich in Panik geraten. Etwa gleichzeitig schafften es 191 Leidensgenossen von Libyen nach Italien. Seetüchtig waren auch ihre fünf Boote nicht: Sie mussten von der italienischen Küstenwache gerettet werden. (mit AFP)

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