Politik : Flugblätter in der Wüste

Nach wochenlangem Schweigen wird in Algerien offenbar wieder verhandelt – über freies Geleit für die Kidnapper

Ralph Schulze[Madrid]

Gut fünf Monate nach Beginn des Geiseldramas in der südalgerischen Wüste keimt wieder leichte Hoffnung auf, dass es für eine Freilassung der 15 entführten europäischen Urlauber doch noch eine Chance gibt. Nach Angaben aus algerischen Sicherheitskreisen scheinen die Geiselnehmer, die der islamistischen Terrorgruppe GSPC zugeordnet werden, ein Angebot für freies Geleit annehmen zu wollen. Die algerische Regierung hatte den Kidnappern zugesichert, sie unbehelligt abziehen und in ein Nachbarland ausreisen zu lassen, wenn sie die Entführung der Touristen, darunter zehn Deutsche, vier Schweizer und ein Niederländer, beenden.

Nach Informationen der algerischen Zeitung „Al Watan“ hatten Militärhubschrauber in den vergangenen Wochen Zehntausende von Flugblättern über jener Zone abgeworfen, in der die Terroristen vermutet wurden. Auf den Papieren stand schwarz auf weiß jene Offerte, die Algeriens Präsident Abdelasis Bouteflika bereits vor einem Monat öffentlich kundtat: „Die Behörden sind bereit, die Entführer ziehen zu lassen, wenn die 15 Geiseln so bald wie möglich und gesund freikommen.“ Tage später kam, ebenfalls schriftlich, eine Antwort bei den algerischen Militärs an. Ein Nomade hatte einen Zettel überbracht, auf dem die Terroristen verkündeten: „Wir sind bereit, unseren Rückzug auszuhandeln, unter der Bedingung, dass uns Garantien für unsere Sicherheit gegeben werden.“ Der Rückzug, so hört man, könnte beispielsweise über das nahe Nachbarland Libyen führen, das angeboten hatte, bei der Lösung des Entführungsfalles zu helfen.

In Kreisen der deutschen Bundesregierung werden diese Berichte mit großer Skepsis zur Kenntnis genommen, weil es keine Möglichkeit gibt, den Wahrheitsgehalt zu prüfen.

Über den Zustand der Geiseln gibt es keine verlässlichen Informationen. Die Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass die Entführten stark unter der großen Hitze in Südalgerien leiden, die derzeit 45 Grad im Schatten erreicht. „Wir wissen, dass sie genug Wasser, aber wahrscheinlich nicht genug Nahrung haben“, wird ein Militär zitiert. Eine erste Urlaubergruppe mit zehn Österreichern, sechs Deutschen und einem Schweden, die Mitte Mai aus den Händen der Terroristen befreit werden konnte, hatte damals schon über Versorgungs- und Hygieneprobleme berichtet. Algeriens Präsident Bouteflika bekräftigte vor einem Monat, dass auch die Touristen der zweiten Geiselgruppe „am Leben sind“ – ohne Einzelheiten mitzuteilen.

Die Hintergründe des Geiseldramas sind nach wie vor unklar. Die Entführer hatten zwischen dem 22. Februar und Ende März, anscheinend wahllos, europäische Wüstentouristen in Südalgerien verschleppt. Forderungen wurden nie bekannt. Aus den Aussagen der 17 am 13. Mai freigekommenen Geiseln lässt sich jedoch schließen, dass die Entführer vor allem eine Mission haben: „Sie wollen die Welt auf ihren Kampf für einen Gottesstaat aufmerksam machen.“

Erschwerend kommt für die zum Schweigen verdonnerten Diplomaten in Berlin und Bern hinzu, dass sich im algerischen Regime brutale Machtkämpfe abspielen. Die Generäle von Geheimdienst und Militär rüsten sich für die Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr. Präsident Bouteflika, der gerne wieder antreten möchte, ist bei den Generälen in Ungnade gefallen. Es verstärkt sich der Eindruck, dass die allmächtigen Sicherheitskräfte die Terrortat nutzen, um ihre Allmacht im Staat zu legitimieren.

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