Politik : Flugsicherheit: Keramik statt Metall

Rainer W. During

Ein Flughafen irgendwo auf der Welt. Vor dem Durchschreiten der Torbogen-Sonde wird der Reisende aufgefordert, mitgeführte Metallgegenstände abzulegen. Brille, Schlüssel und das Feuerzeug einer französischen Nobelmarke, mit dem sich der Mann in der Warteschlange eine Zigarette angezündet hat, landen in einem Körbchen, das der Sicherheitsbeamte nach einem kurzen Blick am Detektor vorbeireicht. Kein Piep ertönt, als der Passagier die Kontrolle durchschreitet und anschließend seine Utensilien wieder in Empfang nimmt. Niemand hat bemerkt, dass sich darunter eine tödliche Waffe befindet. Denn das Feuerzeug enthält neben dem Gastank einen unsichtbaren Lauf, in dem eine Patrone vom Kaliber 22 steckt, auszulösen durch einen unauffälligen Stift am Gehäuse. Das Perverse an dieser Waffe sei, dass sie auch als Feuerzeug funktioniert, sagt der Berliner Flugsicherheitsexperte Wilfried Gerhardt.

Häufig werden derartige "unverdächtige" Gebrauchsgegenstände bei den Kontrollen noch nicht einmal durch das Röntgengerät geschickt. Doch selbst dann entgehen solche Schießgeräte leicht der Aufmerksamkeit des Personals. Kugelschreiber, die statt der Mine eine Patrone enthalten, gehören in diese Kategorie. Auch andere Waffen können die Sicherheitskontrollen bisher unbemerkt passieren, weil die herkömmlichen Geräte nicht auf sie ansprechen. Dabei sind nicht die viel zitierten Kunststoffpistolen des österreichischen Herstellers Glock die Gefahr, sagt Gerhardt. Lauf und Munition würden immer noch genug Metall enthalten, um von den Sonden angezeigt zu werden.

Anders ist das mit täuschend echten Pistolenimitaten, die auch ein Profi aus einem Meter Entfernung nicht von einem Original unterscheiden kann. Auch das Messer aus technischer Keramik, unter der Kleidung versteckt, hätte keinen Alarm ausgelöst. "Das Schärfste, was wir bieten können", wirbt eine Versandfirma, die ein solches Küchenmesser mit 13 Zentimeter langer Klinge für 119 Mark vertreibt. Das aus der Raumfahrt stammende Material enthält garantiert kein Metall, auf das die klassischen Spürgeräte anspringen würden. Aus Spanien stammt eine Handgranate mit Plastikkörper, die "Astra" heißt und auf dem Röntgenbild wie eine kleine Spraydose aussieht. Sie kann ein geübter "Screener" nur am Metallzünder erkennen.

Erst 67 der 186 Mitgliedstaaten der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation ICAO haben eine bereits 1998 in Kraft getretene Konvention unterzeichnet, nach der Plastiksprengstoff Zusätze enthalten muss, die ihn im Röntgenbild leichter erkennbar machen. Am Körper getragen, würde auch hier kein Metalldetektor anspringen. Die Passagiere aber Röntgenstrahlen oder Mikrowellen auszusetzen, ist als unerlaubter Eingriff in die körperliche Unversehrtheit der Reisenden nicht erlaubt.

Mit neuer Technologie soll jetzt die Sicherheitslücke geschlossen werden. Die "passiven" Detektoren messen die Reflektion natürlicher Strahlung. Mit der von der US-Firma "QinetiQ" entwickelten Millimeterwellen-Kamera lässt sich die Körperform des Menschen, der nur 30 Prozent der Strahlung absorbiert, unter der Kleidung darstellen und jeder verborgene Gegenstand erkennen. Bis zu 17 Personen pro Minute können überprüft werden. Und der "EntryScan" des amerikanischen Unternehmens Iontrack analysiert Ausdampfungen und Substanzpartikel in der durch die Körperwärme einer Person aufsteigenden Luftströmung und spürt kleinste Mengen am Körper verborgener Substanzen wie Drogen oder Explosivstoffe binnen zehn Sekunden auf.

Die Einführung der neuen Sicherheitstechnologie ist allerdings nicht nur eine Frage des Geldes. Ungeklärt ist auch die Frage der rechtlichen Zulässigkeit, weil die Darstellung der tatsächlichen Körperform einen Eingriff in die Privatsphäre des Reisenden darstellt. Eine Kommission des US-Kongresses hat deshalb gefordert, dass bei Inbetriebnahme dieser Techniken sichergestellt sein müsse, dass Männer und Frauen getrennt nur durch männliche oder weibliche Beamte gescannt werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben