Politik : Flugzeugabstürze in Russland: Es war Terror

Geheimdienst findet Sprengstoff an Wrackteilen Kreml wegen Vertuschung in der Kritik

Frank Jansen,Claudia von Salzen

Moskau/Berlin - Der Absturz von zwei russischen Passagiermaschinen am Dienstagabend ist auf einen Terrorakt zurückzuführen. An Wrackteilen von einer der beiden Maschinen, einer Tupolew 154, wurden Spuren von Sprengstoff gefunden. Drei Tage nach den Abstürzen gab der russische Inlandsgeheimdienst FSB am Freitag zu, dass es sich um einen Anschlag handelt. „Nach vorläufiger Einschätzung lässt sich sagen, dass zumindest die Flugzeugkatastrophe bei Rostow ein Terroranschlag war“, sagte FSB-Sprecher Sergej Ignattschenko. Der Doppelanschlag auf die beiden Maschinen ist der erste Terrorakt seit dem 11. September 2001, bei dem Flugzeuge von Terroristen entführt und zur Bombe umfunktioniert wurden. Ungeachtet der Ereignisse will Bundeskanzler Gerhard Schröder am Montag auf Einladung des russischen Präsidenten Wladimir Putin nach Sotschi am Schwarzen Meer reisen.

Für den Anschlag sind offenkundig tschetschenische Attentäterinnen verantwortlich. Wie der Tagesspiegel aus deutschen Sicherheitskreisen erfuhr, saß in jeder Maschine eine Frau mit Sprengstoff. Auf den Passagierlisten stand jeweils eine Frau mit tschetschenischem Namen. Auffällig war, dass sich bei beiden nach dem Absturz keine Angehörigen meldeten.

Die Explosionen waren zeitgleich geplant. Beide Flugzeuge verschwanden kurz vor 23 Uhr von den Radarschirmen.Die Tu-154 war auf dem Weg von Moskau nach Sotschi und stürzte nahe Rostow am Don ab. Zuvor konnten die Piloten noch ein Entführungssignal abgeben. Die Tupolew 134 mit dem Ziel Wolgograd stürzte nahe Tula ab. Neben den zwei Attentäterinnen kamen 87 Menschen ums Leben. Im Internet tauchte das Bekennerschreiben einer islamistischen Organisation auf. Dessen Echtheit wurde allerdings von Experten bezweifelt. Nach Angaben des FSB wurden an Wrackteilen der Tu-154 Spuren des Sprengstoffs Hexogen gefunden. Derselbe Sprengstoff soll bei Anschlägen auf Wohnhäuser in Moskau und Wolgodonsk 1999 verwendet worden sein. Die Regierung beschuldigte damals tschetschenische Terroristen, hinter den Anschlägen zu stecken.

Bei den Ermittlungen zum Absturz der Flugzeuge geraten die russischen Behörden zunehmend in die Kritik: Fast drei Tage ließen sie die Öffentlichkeit über die Hintergründe im Unklaren. Bereits am Morgen nach der Katastrophe hatte der FSB nach einer ersten Untersuchung der Wracks betont, Hinweise auf einen Terrorakt gebe es nicht. Das Staatsfernsehen bekam Medienberichten zufolge die Anweisung, nicht von Anschlägen zu sprechen. Dagegen übten russische Zeitungen ungewöhnlich scharfe Kritik an den Behörden, die alles versucht hatten, damit die Abstürze nicht mit dem Tschetschenien-Konflikt in Verbindung gebracht werden. Dort wird am Sonntag ein neuer Präsident gewählt, nachdem der bisherige Amtsinhaber Achmad Kadyrow im Mai einem Attentat zum Opfer gefallen war. Der neuerliche Anschlag ist auch ein Rückschlag für Putin, der den Beginn des zweiten Tschetschenien-Krieges vor fünf Jahren verantwortet und seinen Landsleuten Sicherheit versprochen hatte.

Trotz der neuen Entwicklungen sagt Schröder seinen Besuch in Sotschi nicht ab, wo er am Montag und Dienstag mit Putin und Frankreichs Präsident Jacques Chirac zusammentrifft. Russland werde als Gastgeber die nötigen Sicherheitsvorkehrungen ergreifen, sagte Vize-Regierungssprecher Thomas Steg am Freitag.

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