Politik : Flugzeugabsturz: Widersprüchliches aus Kiew

Christian Domnitz

Im Fall des Flugzeugabsturzes über dem Schwarzen Meer waren sich der ukrainische Premier Anatolij Kinach und der russische Präsident Wladimir Putin einig: Wie aus einem Mund verkündeten sie Donnerstagabend, dass so lange nichts Genaues über die Unglücksursache gesagt werden könne, bis eine noch einzuberufende Expertenkommission zu einem Urteil gekommen sei. Beide zogen sofort ein Attentat in Erwägung.

Zum Thema Ein Rückblick:
Mysteriöse Flugzeugabstürze Amerikanische Fernsehsender und Zeitungen halten den Abschuss durch eine ukrainische Rakete für wahrscheinlicher. Die Washington Post schrieb, dass möglicherweise Raketen des Typs S-200 - im Westen bekannt als SA-5 "Gammon" - verwendet wurden. Die Überschall-Lenkrakete könne bis 250 Kilometer weit fliegen: Das könnte knapp reichen, um von der Krim bis zur Absturzstelle im Südosten des Schwarzen Meeres zu gelangen.

Der Flugkorridor für die Verkehrsflieger sei für die Raketen nicht erreichbar gewesen, sagte stattdessen Putin und bezog sich auf die ukrainischen Partner. Das ukrainische Verteidigungsministerium schränkte mit seiner Mitteilung den Radius noch weiter ein: Bei dem gemeinsamen Training der russischen und der ukrainischen Luftabwehr auf der Halbinsel Krim sollen nur Raketen des Typs "Wespe" mit einer Reichweite von zehn Kilometern und einem ferngezündeten Selbstzerstörungsmechanismus abgefeuert worden sein. Grafik: Die schwersten Flugzeug-Tragödien seit 1999 Um 13 Uhr 44 Minuten Moskauer Zeit sei der Flieger ins Meer gestürzt, teilte die Fluggesellschaft Siberian Air mit. Nikolai Savtschenko, Sprecher der ukrainischen Schwarzmeerflotte, sagte, erst nach 15 Uhr sei mit dem Manöver begonnen worden. Das ukrainische Verteidigungsministerium teilte dagegen mit, sofort nach Bekanntwerden des Unglücks sei das Manöver eingestellt worden. Und noch am Nachmittag soll der Sprecher der russischen Schwarzmeerflotte, Igor Laritschew, in Sewastopol gesagt haben: "Eine ukrainische Rakete hat das Flugzeug abgeschossen, ich kann es nicht glauben!" Der ukrainische Verteidigungsminister Alexander Kusmuk, der in voller Uniform dem Manöver zuschaute, ließ diese Darstellung dementieren: "Alle Raketen haben ihr vorgesehenes Ziel erreicht", sagte er.

Dass ukrainische Raketen nicht immer ihr Ziel erreichen, bewies ein Vorfall im vergangenen Jahr. Am 20. April kam eine Übungsrakete 90 Kilometer vom Kurs ab und schlug in ein Wohnhaus der Kleinstadt Brovarach ein. Dabei stürzten Teile des neunstöckigen Plattenbaus zusammen, drei Menschen kamen zu Tode. Erst nach drei Tagen, als in den Trümmern die Bruchstücke einer Boden-Boden-Rakete gefunden wurden, ging das Verteidigungsministerium an die Öffentlichkeit. Am Ende traten zwei Offiziere zurück. Kusmuk lehnte es ab, die Verantwortung für den Unfall zu übernehmen.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die vom ukrainischen Präsidenten Kutschma zu ernennende Expertengruppe durch langwierige Open-End-Ermittlungen die Unglücksursache eher verschleiern als aufdecken wird - nach dem unaufgeklärten Mord an dem Journalisten Georgij Gongadse ein weiterer schwerer Streitfall in der Ukraine und zwischen Ost und West.

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