Folgen der Landtagswahl in Sachsen : Die AfD braucht weder Bernd Lucke noch den Euro

Nach dem Erfolg in Sachsen emanzipiert sich die AfD unter Spitzenfrau Frauke Petry von ihrem Vorsitzenden Bernd Lucke. Über ihr ehemaliges Lieblingsthema Euro redet die siegestrunkene Partei nur noch auf Nachfrage.

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Alexander Gauland, Frauke Petry und Björn Höcke bei einem Auftritt 2014.
Alexander Gauland, Frauke Petry und Björn Höcke bei einem Auftritt 2014.Foto: Reuters

Kurz vor Ende der Pressekonferenz fragt ein Journalist, wo Bernd Lucke eigentlich sei. Der sitze doch sonst immer bei den Berliner Terminen der „Alternative für Deutschland“ (AfD) auf dem Podium. Frauke Petry beugt sich nach vorne und lächelt. „Ich korrigiere Sie nur ungern, aber Bernd Lucke ist nicht unser Vorsitzender. Unsere Satzung sieht drei Sprecher vor, und die heißen Bernd Lucke, Konrad Adam und Frauke Petry. Und eine sitzt heute hier.“ „Schön grüßen“ aber lasse Lucke. Der sei auf dem Weg nach Brüssel und könne deshalb nicht da sein.

Die Stimmung ist aufgekratzt an diesem Morgen nach der „historischen Zäsur“, wie Björn Höcke es ausdrückt, der AfD-Spitzenkandidat aus Thüringen. „Sie müssen enger zusammenrücken“, hatte Petry ihm kurz davor noch zugeraunt, und damit auch Alexander Gauland gemeint, den Listenführer aus Brandenburg. Die Wahlgewinnerin aus Sachsen lässt sich einen blauen Stab mit AfD-Logo reichen. Von den beiden Herren aber weiß zunächst niemand, wer ihn zuerst in die Hand nehmen soll. Das gewünschte Pressefoto kommt trotzdem zustande.

Petry strotzt vor Selbstbewusstsein an diesem Tag nach der Sachsen-Wahl. Manche in der AfD halten sie schon für das neue Gesicht der Partei. Wo Lucke doch sowieso so oft in Brüssel sei. Nicht überall in der AfD ist der VWL-Professor gleichermaßen beliebt. Routiniert spult die 39-jährige Petry ihre Wahlanalyse ab. Mehr Frauen hätten die AfD als die Grünen gewählt, und auch mehr Arbeiter hätten für sie gestimmt als für die SPD. Und dann erst die CDU: Man habe Themen angesprochen, die eigentlich von der Union hätten bedient werden müssen, meint Petry.

Die Sachsen seien ein „zufriedenes und genügsames Völkchen“, aber sie ließen „sich nicht veralbern“. Die CDU werde weiter Mitglieder und Wähler verlieren, wenn sie sich dem inhaltlichen Diskurs mit der AfD weiterhin verweigere. „Es ist an der Zeit, dass auch Herr Kauder und Frau Merkel die AfD endlich ernst nehmen und uns nicht mit fadenscheinigen Argumenten in eine Ecke drängen, in der wir nie gestanden haben.“

Welchen Parteien nahm die AfD eigentlich Wähler ab?

Erstaunlich am Erfolg der AfD ist in der Tat, dass sie weder der NPD massiv geschadet hat, noch die CDU beim Wahlergebnis auf den ersten Blick deutlich leiden musste. Petry versucht diesen Umstand für sich zu interpretieren: Jetzt sei ja endgültig widerlegt, dass die AfD gezielt im Milieu der Rechtsextremen fische. Am Vorabend, bei der Wahlparty in den Katakomben der „Festung Dresden“, hatten nicht wenige AfD-Mitglieder den Wahlerfolg ihrer Partei noch mit der Zuwanderungspolitik in Zusammenhang gebracht. Jetzt, in Berlin, erwähnt sie Petry nicht einmal mehr unter den aus ihrer Sicht wahlentscheidenden Themen. Plakate mit der Aufschrift „Einwanderung braucht klare Regeln“ seien vor allem „aus Kostengründen“ aufgestellt worden, weil man sie noch aus dem Bundestagswahlkampf übrig gehabt habe. „Wenn die Parteien einen Marsch nach links antreten, und wir uns nicht verändern, dann stehen wir vielleicht ein bisschen rechts von der Union, aber oft stehen wir da, wo die FDP gestanden hat“, versucht Petry den Standort der AfD politgeographisch zu erklären.

Bleibt die Frage, warum die AfD so dringend mit der CDU ins Gespräch kommen will, wo sie andererseits doch glaubt, gerade von deren angeblichem Niedergang dauerhaft zu profitieren. Hier fühlte der langjährige Unionspolitiker Gauland sich angesprochen. „Ich muss niemandem nachlaufen“, sagt er. Sein Herzblut hänge nicht an Gesprächen mit der CDU. Die müsse sich doch erstmal selbst sortieren. Und dann schüttelt er den Kopf: „Stellen Sie sich das doch einmal vor: Die CDU in Brandenburg verweigert Gespräche mit uns, weil wir über die Drei-Kind-Familie gesprochen hatten. Das ist doch schlichtweg abwegig als christliche Partei.“

Und dann gibt es ja noch ein Thema, das der AfD am Anfang ganz wichtig war, nun aber erst auf Nachfrage überhaupt Erwähnung findet. Der Euro. Da sieht Frauke Petry auf einmal doch eine „rote Linie“, die überschritten werden müsse. „Die CDU muss zugeben, dass die Euro-Rettungspolitik nicht funktioniert,“ sagt sie – und merkt in diesem Moment vermutlich nicht, dass sie sich gerade selbst an jener „Ausschließeritis“ beteiligt hat, die sie den anderen sonst so sehr zum Vorwurf macht.

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