Politik : Folgsames Volk

Stefan Berkholz

Manches braucht seine Zeit. Beispielsweise die Forschung über die Gestapo oder einige Naziführer. Seit etwa zehn Jahren erst wird darüber intensiver geforscht, zuvor spekulierte man lieber, teilte die Welt in Schwarz und Weiß, schrieb über das Böse, ganz allgemein. Das war bequem und entlastend zugleich. Man hatte nicht das Abgründige in jedem Menschen wahrzunehmen.

Mitte der neunziger Jahre setzte aber eine Debatte in der Geschichtsforschung ein: Die Studie von Daniel Jonah Goldhagen ("Hitlers willige Vollstrecker") zeigte, wie beteiligt der gewöhnliche Deutsche am Massenmord an den Juden war; Christopher Browning untersuchte die mörderischen Aktivitäten deutscher Reservepolizisten während des Krieges in Osteuropa. Die Auseinandersetzungen um die alte Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung kamen hinzu - die Deutschen galten nicht länger als verführtes Volk eines wahnsinnigen Diktators.

Dann gab es die Studien von Gerhard Paul und Klaus-Michael Mallmann ("Die Gestapo - Mythos und Realität", 1996; "Die Gestapo im Zweiten Weltkrieg", 2000), die die These aufstellten, die Gestapo sei nicht so allgegenwärtig, allwissend und übermächtig gewesen, wie behauptet; die Geheimpolizei Hitlers habe ihre Wirkung erst durch das eifrige und bereitwillige Mitmachen vieler Deutscher entfalten können, durch Kollaboration und Denunziation.

Die Studie des US-amerikanischen Geschichtsprofessors Eric A. Johnson baut auf diesen Erkenntnissen auf und erhebt zugleich den Anspruch, eine Zäsur schaffen zu wollen: Der Autor fasst die verschiedenen Stufen der Erforschung in der Vergangenheit zusammen, er gibt einen Überblick über den gegenwärtigen Stand der Forschung, fügt seine eigenen Rechercheergebnisse hinzu, akzentuiert, differenziert, wägt ab, stellt neue Fragen. Entstanden ist fraglos ein Grundlagenwerk.

Aber: Es ist eine Regionalstudie für den Raum Köln, eine Beschränkung, die sich vor allem aus der schlechten Überlieferung der Akten erklärt. Die meisten Gestapo-Akten gelten als vernichtet, ganz gut sieht der Bestand hingegen für Krefeld, Bergheim und Köln aus. Johnson stützt seine Untersuchung auf mehr als tausend Gestapo- und Justizakten aus diesem Raum. Diese regionale Einschränkung mindert nicht die Bedeutung der Arbeit. Der Autor betont auch, dass und warum seine Ergebnisse auf das ganze Reich zu übertragen seien.

Die Hauptthesen bei Johnson lauten: Die Gestapo verließ sich weniger auf Zuträger aus dem Volk als vielmehr auf eigene Spitzel-, Razzia- und Foltermethoden. Die Gestapo war die treibende Kraft, nicht die (eher wenigen) Denunzianten aus dem Volk. Die Deutschen waren in ihrer Mehrheit nicht niederträchtig, sondern folgsam: "Die meisten machten bereitwillig mit, auch wenn sie nicht alle politischen Maßnahmen Hitlers guthießen." Man arrangierte sich, guckte weg, wollte nicht wahrhaben, blieb bequem, gleichgültig, feige. Das ermöglichte die Verbrechen.

Johnson unterstreicht den "selektiven Terror" der Nazis. Viele Deutsche, ja, die meisten Deutschen waren davon nicht direkt betroffen. Sie konnten sogar ungestraft ein paar Witzchen über den "Führer" reißen, sie blieben weitgehend unbehelligt. "Für Juden, Kommunisten, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, geistig und körperlich Behinderte, Homosexuelle und einige andere war das nationalsozialistische Deutschland die Hölle. Die meisten Deutschen hingegen haben wahrscheinlich bis zum Kriegsende nicht erkannt, dass sie in einer verbrecherischen Diktatur lebten."

Mit dieser Annahme will Johnson die Schuld der Deutschen nicht mindern. Aber er möchte die Gewichte zurechtrücken und klarstellen, wer die Täter waren und wer ihre Komplizen.

Am Ende des Buchs, im Kapitel "Reinwaschung der Täter", beschreibt Johnson die Nachkriegskarrieren einiger ausgewählter Schreibtischtäter. Die meisten von ihnen hatten es sehr gut nach dem Krieg. Sie wurden im neuen Wohlfahrtsstaat bestens versorgt. Anfangs beschafften sich die Täter von einst "Persilscheine", um strafrechtlicher Verfolgung zu entgehen.

Doch das reichte ihnen nicht. Es ging ihnen auch um ihre staatliche Versorgung, eine Staatsrente sollte ihre Mörderdienste finanziell belohnen. Neue "Persilscheine" halfen weiter. Ja, sie waren ordentliche Gestapobeamte, wurde ihnen von Komplizen bestätigt, sie waren anständig und tüchtig, handelten bloß auf höheren Befehl, nichts Schlimmes sollte ihnen nachgesagt werden. Auch die Beschäftigung unter Hitler wurde nun vergoldet, die Pensionen entsprechend aufgestockt. Und nach einer kleinen Schamfrist ließen sich die Täter auch noch ihre Karrieresprünge in Nazideutschland entsprechend vergüten, die Beförderungen aus jener Zeit ausgerechnet, als sie für die Deportation der Juden gen Osten verantwortlich zeichneten.

Johnson hat eine aufwändig recherchierte Studie verfasst. Statistische Untersuchungen lassen eine Betrachtung bis in soziologische Feinheiten zu. Achtzig Seiten Anmerkungen sorgen für Belege, auch Personenregister und Literaturliste fehlen selbstverständlich nicht. Mit den Zusammenfassungen am Ende eines jedes Kapitels aber kann sich auch der eilige Leser einen ersten Überblick verschaffen. Es ist ein gelungenes, ein wichtiges Buch.

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