Folter im Iran : "Hauptsache, ich lebe noch"

Das Regime foltert seine Gegner: Gefangene und ihre Familien berichten über Scheinhinrichtungen und Vergewaltigungen in iranische Gefängnissen. Viele Eltern haben in den letzten Wochen die zerschundenen Leichen ihrer Söhne und Töchter zurückbekommen.

Martin Gehlen

Verhaftet wurde der 21-jährige Student nahe der Teheraner Universität. Als die beiden Busse im Polizeigefängnis Kahrizak ankamen, ging sofort ein Dutzend Wachleute wie die Furien auf die Gefesselten los, rissen ihnen die Kleider herunter, überschütteten sie mit Wasser und prügelten mit Gürteln und Ketten auf sei ein. „Danach war kein Leben mehr in unseren Körpern. Wir waren zu schwach, auf unseren Füßen zu stehen.“ Es sollte noch schlimmer kommen. Einige aus der überfüllten Zelle wurden für Stunden mit den Füßen an die Decke gehängt, anderen die Hände und Füße in heißem Teer verbrannt. Die Jüngsten bekamen eine Schlinge um den Hals, wurden aufgehängt und nach einigen Sekunden wieder auf den Boden heruntergelassen. „Sie dachten erst, sie sterben, dann waren sie wieder zurück im Leben“, beschreibt der Augenzeuge diese Scheinhinrichtungen. Das Schlimmste aber seien die Vergewaltigungen gewesen. Aus seiner Zelle habe es drei getroffen. Die Peiniger holten sie einmal am Tag, „wir konnten sie schreien hören“. Danach jagten sie ihren Opfern eine Beruhigungsspritze in den Körper und brachten sie zurück. Und doch haben alle aus seiner Zelle überlebt - er selbst mit ausgeschlagenen Zähnen, gebrochenen Rippen auf der rechten Seite und Taubheit im linken Ohr. „Hauptsache, ich lebe noch“, sagt er. Und „natürlich“ will er weiter demonstrieren.

Foltertod eines 25-Jährigen

Andere waren nicht so glücklich – so Mohsen Ruholamini, Sohn von Abdul-Hossein Ruholamini, Chef des renommierten Pasteur-Instituts und Spitzenberater des konservativen Präsidentschaftskandidaten Mohsen Rezai. Der Informatik-Student sei an einer Gehirnhautentzündung gestorben, teilte der oberste Gefängnischef Teherans den Eltern mit. „Sein ganzer Körper war übersäht mit Verletzungen und blauen Flecken. Anzeichen für eine Meningitis habe ich nicht gefunden“, widersprach Rezais Bruder Omidvar, Abgeordneter im iranischen Parlament und Neurologe. Der Foltertod des 25-Jährigen löste bis tief ins Lager der Konservativen Empörung aus. Viele Abgeordnete kennen die Familie Ruholamini und forderten eine Untersuchung. Das Gefängnis Kahrizak wurde daraufhin sofort als „nicht mehr dem Standard entsprechend“ geschlossen – auf Intervention des Obersten Religionsführers Ali Chamenei. Angeblich ermittelt die iranische Justiz inzwischen auch gegen drei der schlimmsten Schläger.

Viele Eltern haben in den letzten beiden Wochen die zerschundenen Leichen ihrer Söhne und Töchter zurückbekommen. Zahlreiche Schicksale sind durch die oppositionellen Websites roozonline.com und gooya.com dokumentiert, auch wenn die Behörden die betroffenen Familien massiv einschüchtern, damit sie auf Trauerfeiern verzichten und keinerlei Auskünfte geben. Drei Wochen lang hatte die Eltern nichts von Amir Javadifar gehört, einem Studenten aus der im Nordwesten gelegenen Stadt Qazvin. „Als ich ihn identifizieren musste, war sein Körper übersäht mit Spuren von Folter“, berichtete sein Vater. „Man hatte ihn bereits autopsiert – und uns wurde erklärt, die Todesursache sei unbekannt.“ Die Mutter eines getöteten Medizinstudenten aus Kermanshah sitzt inzwischen selbst in Haft. Sie hatte sich aus Protest mit Lehm beschmiert, vor das Gebäude des Geheimdienstminsteriums gesetzt und Aufklärung verlangt.

100 Angeklagte im großen Schauprozess

Man braucht also nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, was die 100 Angeklagten des großen Schauprozesses, der letzten Samstag vor dem 15. Revolutionsgerichtshof begann und am 8. August fortgesetzt wird, bisher durchgemacht haben. Sie habe ihren Mann ein einziges Mal besuchen können, berichtete Fahimeh Mousavinejad, die Frau des früheren Vizepräsidenten Mohammed Ali Abtahi. Er habe am ganzen Körper gezittert. Man habe ihm Pillen verabreicht, die Gedächtnisstörungen bewirken, so dass er sich an vieles nicht erinnern kann. Die Frau des bekannten Journalisten Ahmad Zeidabadi versuchte, ihrem Mann am Telefon Mut zuzusprechen. „Du bist schon früher in Isolierhaft gewesen und Du hast große Widerstandskräfte.“ Ja, ich weiß, habe er geantwortet, „aber diesmal ist alles sehr viel schlimmer.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben