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Fonds gefordert : Antje Vollmer: Politik muss Missbrauchs-Opfern helfen

In der Debatte um sexuellen Missbrauch fordert Antje Vollmer, Vorsitzende des Runden Tisches Heimerziehung, einen „Fonds für Traumatisierte“ vorgeschlagen. An einer weiteren Reformschule gibt es unterdessen neue Verdachtsfälle.

von und Matthias Meisner und Hans Monath

„Die Politik muss denjenigen helfen, die durch entsetzliche Erfahrungen in ihrer Kindheit für ihr ganzes Leben traumatisiert wurden“, sagte die frühere Bundestagsvizepräsidentin dem Tagesspiegel am Sonntag. Die Opfer sollten in die Lage versetzt werden, „so weit das überhaupt möglich ist, ihre Traumata zu bearbeiten oder zu heilen“.

Vollmer ist Vorsitzende des Runden Tisches Heimerziehung, der gewalttätige Erziehungspraktiken zum Nachteil von Heimkindern in den 50er- und 60er-Jahren aufklärt. Die Politikerin sagte, aus dem „Fonds für Traumatisierte“ könne Hilfe für ehemalige Heimkinder und für Opfer sexuellen Missbrauchs finanziert werden.

Im Zusammenhang mit der Debatte nahm Vollmer den Reformpädagogen Hartmut von Hentig in Schutz. Dieser sei „zu einem Sündenbock auserkoren worden, obwohl gegen ihn nichts vorliegt“, sagte sie. Der Umgang einzelner Medien mit dem 85-Jährigen sei „inhuman“.

Auch an einer weiteren reformpädagogischen Einrichtung wird wegen Missbrauchsfällen ermittelt. Die Internatsschule Birklehof in Hinterzarten (Schwarzwald) – wie die Odenwaldschule Mitglied der Vereinigung der Deutschen Landerziehungsheime – kündigte in einem dieser Zeitung vorliegenden Rundbrief an ihre ehemaligen Schüler eine Überprüfung der eigenen Einrichtung an: „Es scheint, dass Verfehlungen Einzelner insbesondere in den 50er und 60er Jahren vorgekommen sind.“ Geleitet vom „Prinzip äußerster Vorsorge“ sei eine Rechtsanwältin als Ansprechpartnerin beauftragt, bei der Missbrauchsfälle gemeldet werden könnten. Lehrer am Birklehof war auch Hentig, von 1953 bis 1955. Er versicherte dem Tagesspiegel: „In der Zeit, in der ich da war, hat sich nichts ereignet, nichts, was ich gehört hätte.“

Erstmals äußerte sich auch Altbundespräsident Richard von Weizsäcker zu dem Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule, an der sein 2008 verstorbener Sohn Andreas Ende der 60er Jahre Schüler war. Weder er noch seine Frau hätten von den Missbrauchsfällen „Kenntnis gehabt, auch nicht durch Andreas“, sagte Weizsäcker dem „Spiegel“. Sein Sohn war in der Wohngruppe des sexuellen Missbrauchs beschuldigten Schulleiters Gerold Becker untergebracht. Die Odenwaldschule selbst sprach in Zusammenhang mit dem Missbrauch von Fehlern. „Es sind Dinge falsch gelaufen“, sagte Philipp Sturz vom Trägerverein am Rande einer Krisensitzung der Schulgremien. „Wir haben den Willen zur rückhaltlosen Aufklärung.“

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