Politik : Forscher Wettbewerb

Von Anja Kühne

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Noch ist im Elitewettbewerb der Universitäten offiziell nichts entschieden. In zehn Tagen wird zunächst einmal die Vorauswahl getroffen. Erst im Herbst können dann die ersten vier bis fünf besten Unis Deutschlands gekürt werden. Doch nun verursacht ein deutsch-amerikanisches Wissenschaftsberatungsunternehmen Wirbel. Es behauptet, der Wettbewerb sei längst nicht mehr so offen, wie es den Anschein hat. Einige der Sieger stünden schon fest.

Mächtige Politiker, so heißt es, drückten ihre Favoriten durch. So seien beide Münchner Universitäten bereits „gesetzt“; Roland Koch, Ministerpräsident in Hessen, werde seine TU Darmstadt durchbringen; der Bund engagiere sich für Berlins Humboldt-Universität. Unis, die sich keiner einflussreichen Freunde in der Politik erfreuen könnten, seien schon aus dem Rennen – selbst wenn sie, wie die Freie Universität Berlin, zu den zehn besten in Deutschland gehörten. Die Folgen seien dramatisch: ein krasser Imageverlust, dem der finanzielle Niedergang folgen werde.

Ein absurdes Horrorszenario, gewonnen aus Kaffeesatzleserei? Auch wenn dies jetzt kein Uni-Präsident und kein Politiker aussprechen will: Es ist sehr wahrscheinlich, dass in Deutschlands erstem Exzellenzwettbewerb der Universitäten auch politische Motive zur Geltung kommen werden. Zwar haben Wissenschaftler in der Kommission, die die letzte Entscheidung trifft, die Mehrheit, doch das Stimmgewicht von Bund und Ländern ist erheblich: Es steht 39 zu 32.

Es ist durchaus sinnvoll, dass die Politik mitbestimmt. Neben wissenschaftlichen müssen sehr wohl strategische Erwägungen bei der Auswahl der Unis berücksichtigt werden. Schließlich haben Bund und Länder den Elitewettbewerb ins Leben gerufen, um eine jahrzehntelang nach dem Gießkannenprinzip betriebene Hochschulpolitik zu korrigieren. Sie wollen international sichtbare Leuchttürme schaffen: Universitäten, die in Zukunft das meiste Geld, die besten Studierenden und die besten Forscher anziehen. Deshalb müssen die Mittel aus dem Exzellenzwettbewerb nun dahin fließen, wo sie sich besonders gut vermehren werden: an die forschungsstärksten Universitäten – und in die forschungsstärksten Regionen.

Nur eine kleine Zahl von Unis, höchstens zehn, werden letztlich unter dem Elite-Label gefördert. Mindestens 17 andere Bewerber bleiben enttäuscht zurück. Doch es geht nun einmal darum, die Mittel zu konzentrieren, etwas anderes kann sich Deutschland nicht leisten. Wer wollte sich also darüber aufregen, wenn am Ende tatsächlich die beiden Münchner Unis erfolgreich durchs Ziel gehen sollten, wie die Wissenschaftsberater es voraussagen? Bayern hat sich über Jahrzehnte für seine Hochschulen engagiert, dafür könnte es die Früchte ernten. Nicht zuletzt sind diese beiden Universitäten in einem forschungsstarken Umfeld angesiedelt. Deutschland dürfte also hoffen, dass Bayern das Beste aus zusätzlichem Geld machen wird.

Berlins Unis, besonders die Freie Universität und die Humboldt-Universität, gehören, wie die entscheidenden Rankings belegen, ebenfalls zu den leistungsstärksten Unis Deutschlands. Wie München ist die Hauptstadt schon heute ein Leuchtturm der Forschung. Wegen seiner desolaten finanziellen Lage zwingt Berlin seine Unis gleichwohl zum Sparen. Das erschwert ihre Lage im Konkurrenzkampf. Würdige Kandidaten im Elitewettbewerb sind sie dennoch.

Es wäre deshalb skandalös, sollte die FU aus rein machtpolitischen Gründen nicht die Chance bekommen, die sie verdient. Und umgekehrt gilt dasselbe. Was wäre wohl, wenn sich am Ende der Verdacht bestätigt, die TU Darmstadt habe gar nicht wegen einer vorzüglichen Bewerbung gewonnen, sondern vor allem deswegen, weil der Landesvater die Strippen gezogen hat? Dann hätte der Wettbewerb gar nicht zwischen den Hochschulen, sondern zwischen Bundesländern stattgefunden. Der Elitewettbewerb würde so durch die Politik diskreditiert, sein Ergebnis unglaubwürdig. Es ist gut, wenn der Politik schon im Vorfeld bewusst ist, dass ihr Verhalten genau beobachtet wird.

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