Politik : Forschung an der Grenze

Von Hartmut Wewetzer

-

Ein Forschungsminister, der gegen Forschung ist. So etwas gibt es, zumindest in Deutschland. Wissenschaftsministerin Annette Schavan kämpft gegen die Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen. Heute vertritt sie ihre Position in Brüssel zusammen mit einer kleinen Schar gleich gesinnter Minister. Diese wollen die EU- Förderung für die Forschung an embryonalen Stammzellen in Europa blockieren. Sie lehnen das Verfahren ab, weil menschliche Embryonen im Frühstadium für die Gewinnung der Stammzellen erforderlich sind. Es geht dabei um Embryonen, die für eine geplante künstlichen Befruchtung erzeugt wurden und dann überzählig waren. Das Gegenargument, mit diesen Zellen vielleicht eines Tages schwere Krankheiten behandeln zu können, lassen sie nicht gelten.

Ist das ein Rezept für Europa? Schavan versucht immer wieder den Eindruck zu erwecken, das strenge deutsche Stammzellgesetz sei völlig ausreichend, ja vorbildlich. Aber das Gegenteil ist wahr. Unter den großen Wissenschaftsnationen steht die Bundesrepublik mittlerweile allein da. Großbritannien, Frankreich, Schweden, Korea, Australien, Kanada, Indien, Niederlande, Schweiz – all diese Länder haben Regelungen, die sehr viel liberaler sind als bei uns und die es der Wissenschaft innerhalb ethisch vertretbarer Grenzen ermöglichen, mit embryonalen Stammzellen zu arbeiten – ohne dass dabei Menschenrechte oder Menschenwürde verletzt würden. In den USA, wo die Stammzellforschung erlaubt ist, aber kaum aus Bundesmitteln gefördert wird, verhinderte Präsident Bush mit einem Veto eine Lockerung der Förderrichtlinien. Für seine rigorose Politik hat er kein Hinterland mehr. Längst befürworten die Mehrheit der Amerikaner und viele Anhänger seiner Partei diese viel versprechende Medizinforschung.

Der Wind hat sich gedreht und bläst kräftig. Nur in Deutschland herrscht Flaute. Selbst die ehemalige Gesundheitsministerin Andrea Fischer plädiert inzwischen dafür, das Stammzellgesetz zu überdenken, obwohl sie einst zu denen gehörte, die es auf den Weg brachten. Die Grüne Fischer will den Geist des Gesetzes erhalten, das Stammzellforschung nur als streng reglementierte Ausnahme zulässt. Aber sie plädiert dafür, die Stichtagsregelung zu überdenken. Denn hierzulande ist die Forschung nur mit solchen importierten embryonalen Stammzellen erlaubt, die vor 2002 gewonnen wurden. Das vom Gesetzgeber willkürlich gesetzte Datum markiert für die Stammzellforscher eine höchst reale Grenze: Die bis 2002 erzeugten Stammzellen sind mit tierischen Zellen verunreinigt und deshalb veraltet und medizinisch nicht einsetzbar.

Peter Gruss, der ansonsten so zurückhaltende und konziliante Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, hat Annette Schavan kürzlich noch auf einen weiteren Nachteil des deutschen Sonderwegs aufmerksam gemacht. Die Rechtsunsicherheit des Gesetzes führt dazu, dass deutsche Forscher vor internationalen Kooperationen – in der Wissenschaft heute so selbstverständlich wie notwendig – zurückschrecken. Junge Wissenschaftler meiden die Stammzellforschung, weil sie fürchten, für ihre Arbeit ins Gefängnis zu kommen. „Eine Entwicklung zieht an uns vorbei, die wir nicht mehr aufholen können“, beklagt Gruss.

Es wäre ein schlechtes Signal für den um seine Reputation kämpfenden Forschungsstandort Europa, wenn die rigorose deutsche Position in der EU-Forschungsförderung die Oberhand gewinnen würde. Stattdessen sollten die deutschen Politiker sich überlegen, wie man das verlorene Terrain in der Stammzellforschung zurückgewinnen könnte. Eine Lockerung des Gesetzes ist überfällig, und sie wäre möglich, ohne es auf den Kopf zu stellen. Man könnte den Stichtag nach vorn verlegen und die unsägliche Kriminalisierung der Wissenschaft beenden. Trotzdem bliebe diese Forschung strenger Kontrolle unterworfen. Ein Kompromiss, bei dem beide Seiten ihr Gesicht wahren, ist durchaus möglich. Und in jedem Fall besser als zuzusehen, wie weitere Jahre verloren gehen.

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben