Fortpflanzung : Die gefährdete Fruchtbarkeit

Manche Chemikalien wirken wie Hormone. Wie groß ihr Einfluss auf die Spermien ist, ist jedoch unklar.

Dagmar Dehmer

Berlin Seit der Gesundheitsreform 2003 ist die Zahl reproduktionsmedizinischer Behandlungen in Deutschland deutlich gesunken. Ungewollt kinderlose Paare müssen seit 2004 die Hälfte der Kosten für eine Behandlung, beispielsweise eine Invitrofertilisation (Reagenzglasbefruchtung), selbst tragen. Das sind pro Behandlungszyklus zwischen 1500 und 1800 Euro. Drei Behandlungszyklen werden bezuschusst. Für viele Paare ist das offenbar zu teuer. Deshalb will der Freistaat Sachsen künftig den Eigenanteil über Steuerzuschüsse übernehmen.

Ob die Zahl ungewollt kinderloser Paare steigt, weiß niemand genau. Tatsache ist aber, dass die meisten Paare ihre Kinderwünsche später verwirklichen als früher. Die Fruchtbarkeit von Frauen nimmt schon von Mitte 20 an ab. Auch die Fruchtbarkeit von Männern sinkt mit dem Lebensalter. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Ent wicklung hat 2007 eine Studie über die Gründe für Kinderlosigkeit vorgelegt. Medizinische Gründe standen bei den kinderlosen Paaren an vierter Stelle der Ursachen. Der wichtigste Grund für die Teilnehmer der damaligen Befragung war allerdings, dass der „richtige Partner fehlt“, dann folgten finanzielle und berufliche Gründe. 2003 sind noch rund 19 000 Kinder nach einer reproduktionsmedizinischen Behandlung zur Welt gekommen, seit 2005 sind es jedes Jahr rund 10 000. 2007 fanden nach den Zahlen des Deutschen Invitrofertilisa tions registers mehr als 68 000 Fruchtbarkeitsbehandlungen statt, 2003 waren es noch knapp 106 000 gewesen.

In etwa 30 Prozent der Fälle sind die Frauen, in weiteren 30 Prozent die Männer die Ursache für die ungewollte Kinderlosigkeit. Bei weiteren 30 Prozent liegen die Gründe bei beiden. Beim Rest werden keine plausiblen Ursachen gefunden. Neben verschiedenen körper lichen Ursachen für die Unfruchtbarkeit spielen in der Debatte auch Umwelteinflüsse eine Rolle. Schon im Herbst 2000 veranstaltete deshalb das Umweltbundesamt ein Fachgespräch, bei dem es um die Frage ging, ob hormonell wirkende Chemikalien einen Einfluss auf die Spermienqualität beim Menschen haben. Ein Ergebnis des Gesprächs war die Erkenntnis, dass die Spermiendichte von 1985 bis 1996 deutlich abgenommen hat, bei einer Berliner Gruppe von Männern um 34 Prozent, bei einer Leipziger Gruppe um 24 Prozent. Weltweit hat die Welt gesundheitsorganisation eine jährliche durchschnittliche Abnahme der Spermiendichte um etwa zwei Prozent ermittelt. Eine neue Studie, die Ende Januar in der Fachzeitschrift „Human Reproduction“ vorgestellt wurde, kommt zu dem Schluss, dass perfluorierte Chemikalien (PFCs) einen negativen Einfluss auf die Fruchtbarkeit von Frauen haben. Diese Alltagschemikalien werden zu einer Vielzahl von Produkten verarbeitet, von Lebensmittelverpackungen, Kleidung, Pestiziden, Teppichen bis hin zu Körperpflegemitteln.

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