Politik : Für Familie? Gegen Prodi

Italiens Kirche bläst zum Angriff auf die Regierung

Paul Kreiner[Rom]

Wie angespannt das Verhältnis der katholischen Kirche in Italien zu Regierung und Gesellschaft ist, zeigte sich unlängst an einer Banalität. Am „Tag der Arbeit“ hatten die Gewerkschaften, wie üblich, ihre werktätigen Massen zu einem Großkonzert vor die Lateran-Basilika in Rom eingeladen. Es traten linke Barden auf, und nebenbei lieferten sie die übliche Politiksatire ab. Einer, Andrea Rivera, wandte sich an den Vatikan. Es sei ganz klar, rief Rivera in die Menge, dass der Papst gegen die Evolutionslehre sei; die Kirche habe sich „ja selber nie weiterentwickelt“. Sätze wie dieser gehören weltweit zu den Gemeinplätzen von Kirchensatire. In Rom aber schoss der „Osservatore Romano“ aus allen Rohren: Derartige Angriffe, schrieb die offizielle Zeitung des Vatikan, seien „Terrorismus“.

Nun, am Samstag, füllte die Kirche selbst den Platz vor der Lateran-Basilika. Mehr als 40 katholische Organisationen hatten zum „Family Day“ aufgerufen; aus ganz Italien strömten ihre Anhänger. 1,5 Millionen waren es den Veranstaltern zufolge; die Polizei spricht von höchstens 240 000. Redner betonten, die Kundgebung wolle nur die Werte und die Bedeutung der traditionellen Familie bekräftigen; man demonstriere „nicht gegen irgendetwas, auch nicht gegen irgend ein politisches Lager“. Und doch war in allen Beiträgen die Absicht greifbar: Die katholische Kirche will um jeden Preis den Gesetzentwurf zu Fall bringen, mit dem nichteheliche, womöglich gar homosexuelle Lebensgemeinschaften rechtlich anerkannt werden sollen. Politische Kommentatoren gehen noch weiter: die katholische Kirche, sagen sie, habe es generell darauf abgesehen, Romano Prodis Mitte-links-Regierung aus dem Amt zu jagen, weniger aus konkreten Gründen als vielmehr aus ideologischer Abneigung. Entsprechend zahlreich und stark – bis hin zu Silvio Berlusconi – waren vor dem Lateran die Politiker der rechtsgerichteten Opposition vertreten. Regierungschef Romano Prodi, der sich selbst als „erwachsener Katholik“ bezeichnet, warnte vor einer „politischen Instrumentalisierung der Religion“. Bischöfe selbst traten bei der Veranstaltung nicht auf; sie hatten ihren Protest, vor allem gegen homosexuelle Lebensgemeinschaften, bereits zuvor manifestiert.

Für zusätzlichen Unmut sorgte, dass der Vatikan selbst politisch aktiv werden will. Lagen die Kontakte zur Tagespolitik bisher – wie in allen anderen westlichen Staaten – in den Händen der Bischofskonferenz, so hat Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone als „Zweiter Mann“ hinter dem Papst nun angekündigt, dass er sich „die Verhandlungen mit den Regierungsstellen“ künftig persönlich vorbehalten will. Kritiker sehen darin den Versuch des Vatikan, das zu mehr als 90 Prozent katholische Italien zum Modellfall für die kämpferische Durchsetzung eigener Politik zu machen und das Land in fundamentalistischer Weise aufzurollen.

Als Beleg dafür gilt nicht zuletzt auch der Termin, den die Kirche für ihren „Family Day“ wählte: Es war der 33. Jahrestag jener Volksabstimmung, mit der die Italiener das Gesetz zur Ehescheidung gutgeheißen haben – damals schon gegen heftigen Widerstand des Vatikan.

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