Frank-Walter Steinmeier : Alles für die Quote

Tissy Bruns begleitet SPD-Wahlkämpfer Frank-Walter Steinmeier ins Café Einstein – und beobachtet bei ihm ungewohnte Erkenntnisse allein unter Frauen.

Tissy Bruns
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SPD-Mann trifft SPD-Frau. Frank-Walter Steinmeier und Manuela Schwesig. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

In den vergangenen Wochen habe er ja gelernt, „dass man ein bisschen was ertragen und vertragen muss“, sagt Frank-Walter Steinmeier. Morgens, kurz nach neun, hat er das Café Einstein in der Berliner Kurfürstenstraße betreten, das Wetter ist wie die Laune des Kandidaten: heiter. Der SPD-Kanzlerkandidat wird anderthalb Stunden allein unter Frauen ertragen. Er macht es freiwillig, als Nebenwirkung des TV- Duells, das für ihn besser als erwartet, also gut gelaufen ist. Weil die Chefin des Vizekanzlers die nächste Fernsehrunde abgesagt hat und er deshalb auch nicht hingeht, ist Zeit gewonnen für rund zwanzig Frauen, die ihn mit einem Wahlaufruf („Frauen für Frank- Walter Steinmeier“) unterstützen.

Da sitzen sie also dicht gedrängt im holzgetäfelten Nebenraum des Einstein, die Tische in Hufeisenform, vorn Steinmeier, neben ihm Manuela Schwesig, Mitglied seines Wahlkampfteams. Was dieses Team eigentlich sollte, ist eines der Rätsel des SPD-Wahlkampfs. Dass es Schwesig nach Berlin gebracht hat, ist jedenfalls ein Gewinn. Die junge Sozialministerin aus Mecklenburg-Vorpommern weiß, wovon sie redet und das macht sie knapp, sachlich, zugewandt.

Sie hat Regina Möller mitgebracht, Leiterin der Kita Knirpsenstadt in Schwerin, die 16-jährige Mädchen begleitet, die – oft vom Arbeitsamt darin bestärkt – die Schule in der 9. Klasse verlassen, weil sie Mütter werden. „Bildung!“, „Lernen, was Familie überhaupt ist!“ – Möller bringt ihre Botschaft an den Mann. Der hört zu. Dass die Eltern immer jünger werden, erzählt auch Leyla Karendeniz, Familientherapeutin aus Neukölln. Weil die meisten Frauen im Einstein die gegenteilige Erfahrung kennen, wirft Steinmeier an dieser Stelle ein: „In Neukölln immer jünger und in Zehlendorf immer älter.“

Malerin, Ingenieurin, Direktorin, Vorstandsvorsitzende, Schauspielerin, Kulturanthropologin, Erzieherin, Geschäftsführerin, die einen Mütter, andere kinderlos. Die Teilnehmerinnen stellen sich reihum vor, und nennen ihren wichtigsten Punkt zum Thema. Ein Gespräch im strengen Sinne ist das nicht, doch diese Frauen präsentieren dem Spitzenpolitiker anderthalb Stunden Deutschland, wie es wirklich ist. Warum es richtig ist, das norwegische Modell der Quote für Aufsichtsräte ins Wahlprogramm zu schreiben, aber noch wichtiger, wie man es durchsetzt. Wie zwei voll berufstätige Eltern an ihre Kräftegrenzen kommen. Wie Frauen ohne Kinder gegen Mütter ausgespielt werden und umgekehrt. Dass „gleicher Lohn“ auch an deutschen Theatern leider ein Thema ist. Denkstrukturen und das Bild der Frauen in den Medien als mächtige Hindernisse. Die Überforderung durch Rollenzuschreibungen, perfekte Mutter, Karrierefrau, fit und für die Pflege der Schwiegermutter zuständig. Wie Männer sich in der Firma rechtfertigen müssen, wenn sie gute Väter sein wollen …

Steinmeier hört zu. Tja, es bleibe schwierig in Führungspositionen … „Alles eine Frage der Arbeitsorganisation“, ruft eine dazwischen: „Das geht, auch bei Ihnen!“ Der Kanzlerkandidat muss auf den nächsten Marktplatz. Er hat gelernt in diesen anderthalb Stunden. Es wurde übrigens sehr viel gelacht.

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