• Frank-Walter Steinmeier: "Unter diesen Landschaften liegen Schichten, die uns tief verbinden"

Frank-Walter Steinmeier : "Unter diesen Landschaften liegen Schichten, die uns tief verbinden"

Zur Eröffnung der Ausstellung über die deutschen Massenerschießungen von 33.000 Juden vor 75 Jahren im ukrainischen Babij Jar hat Frank-Walter Steinmeier eine Rede gehalten, die wir im Wortlaut dokumentieren.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier vergangene Woche vor den Vereinten Nationen.
Außenminister Frank-Walter Steinmeier vergangene Woche vor den Vereinten Nationen.Foto: REUTERS/Carlo Allegri

Zur Eröffnung der Ausstellung in der Topographie des Terrors über die deutschen Massenerschießungen von 33.000 jüdischen Kindern, Frauen und Männern vor 75 Jahren im ukrainischen Babij Jar hat Außenminister Frank-Walter Steinmeier eine Rede gehalten, in der er auf die fortdauernde Erinnerung an die damaligen Verbrechen hinwies. In keine andere Region der Welt sei er in den vergangenen Jahren häufiger gereist als nach Osteuropa. Ukraine, Russland, Weißrussland, Moldawien, das Baltikum – in vielen Ländern herrschten Spannungen und Konflikte, die für die Sicherheit und die Zukunft Europas schicksalhaft seien. Doch "unter diesen Landschaften, unter dem Hier und Heute, liegen Schichten verborgen, die uns Deutsche viel tiefer, viel schicksalhafter mit dieser Region verbinden", so Steinmeier.

Hier Steinmeiers Rede im Wortlaut:

Verehrter Herr Prof. Nachama, verehrter Herr Herr Neumärker, lieber Tim Renner, sehr geehrte Damen und Herren!

Saftiges Grün; Birken und Sträucher im Hintergrund; ein sanfter Abhang, und vorne weiß blühende Sommerblumen.

Ich beschreibe das Foto einer östlichen Landschaft, ein Foto fast wie gemalt. Sie werden es gleich in der Ausstellung finden, an der linken hinteren Wand, und Sie werden es als
Oase empfinden. Es ist ein aktuelles Foto und wurde vor den Toren von Mizozc (Misotsch) aufgenommen, einer kleinen Stadt in der Westukraine.

Das Foto steht fast prototypisch für die weiten Landschaften einer Region, die mich als Außenminister in diesen Jahren so intensiv beschäftigt wie keine andere. Ukraine, Russland,
Weißrussland, Moldawien, das Baltikum – in keine andere Weltregion bin ich in den letzten Jahren so häufig gereist; keine anderen Landschaften habe ich so oft durchfahren oder überflogen wie jene.

Lassen Sie mich noch einige weitere Ortsnamen nennen, die mir in Vorbereitung dieser Rede begegnet sind: Minsk, Riga, Dnjepropetrowsk, Kiew, Odessa, Chisinau – große Städte also, und kleinere: Dubasari, Pawlograd, Artemovsk. All diese Orte sind Orte, die ich in den vergangenen 12 Monaten bereist habe – und die wahrscheinlich viele von Ihnen aus Nachrichten und Zeitungen kennen.

Denn: In jenen Landschaften herrschen heute Konflikte und Spannungen, die für die Sicherheit und die Zukunft Europas schicksalhaft sind; ja, die sogar die Frage von Krieg und Frieden auf unseren Kontinent zurückgebracht haben.

Wir, die deutsche Außenpolitik und unsere Partner, setzen uns - so gut wir es können - für Frieden und Verständigung im Osten unseres Kontinent ein, insbesondere im Konflikt um die Ostukraine.

Aber – und dieses „Aber“ wiegt schwer: Unter diesen Landschaften, unter dem Hier und Heute, liegen Schichten verborgen, die uns Deutsche viel tiefer, viel schicksalhafter mit dieser Region verbinden.

Vor 75 Jahren begann mit dem Angriff Nazideutschlands auf die Sowjetunion ein Vernichtungs- und Eroberungskrieg von unbeschreiblicher Grausamkeit. Über 25 Millionen Menschen verloren in der Sowjetunion ihr Leben – der überwiegende Teil von ihnen Zivilisten. Unter ihnen waren mehr als zwei Millionen Juden. Schon in den ersten Tagen nach
dem deutschen Angriff begannen die Massaker, die bald in systematische Massenerschießungen übergingen.

Das ist das Ungeheuerliche, was unter jenen Landschaften verborgen liegt. So schön die Landschaften sind, die ich beschrieben habe: Sie sind verwundete Landschaften. Sie sind es bis heute. „Bloodlands“ hat der Historiker Timothy Snyder sie genannt.

Video
Das Massaker von Babi Jar: Eine Überlebende berichtet
Das Massaker von Babi Jar: Eine Überlebende berichtet

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Diese Ausstellung nun trägt die Schichten ab, und bringt – Schicht um Schicht – die Details einer Vergangenheit ans Tageslicht, die eben nicht nur eine östliche, sondern auch unsere Vergangenheit ist.

Ich nenne die Orte noch einmal:
Minsk – 55.000.
Riga – 45.000.
Dnjepropetrowsk – 16.000.
Kiew – 35.000.
Odessa – 20.000.
Chisinau – 1.500.
Dubasari – 5.000.
Pawlograd – 1.500.
Artemovsk – 1.500.

Das ist die Anzahl der jüdischen Frauen, Männer und Kinder, die in den genannten Städten – oft innerhalb nur weniger Tage - von deutschen Einsatzkommandos, SS-Angehörigen und
Polizisten erschossen wurden.
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Direkt am Eingang der Ausstellung, die Sie gleich betreten werden, sehen Sie eine Karte. Sie zeigt das Gebiet von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Auf der Karte sind sehr viele schwarze Punkte eingezeichnet. Jeder Punkt auf der Karte steht für einen Ort, an dem mehr als 500 Menschen erschossen wurden. Die Orte, die ich genannt habe, sind 10 davon. Insgesamt sind 722 Punkte auf dieser Karte eingezeichnet. 722.

Ich sage es Ihnen ehrlich: Für mich war der erste Blick auf diese Karte ein Schock. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich. Und vermutlich wird das vielen Deutschen so gehen, die die Ausstellung sehen, und ich hoffe, es werden viele sein.

Aber – und auch das ist ein schwerwiegendes „Aber“: Für uns Deutsche mag die Karte ein Schock sein – für die Menschen dort in der Region ist sie kein Schock! Viel Schlimmer: Sie ist Ausdruck einer sehr gegenwärtigen Erinnerung. Viele Menschen dort, gerade die älteren, kennen jene schwarzen Punkte und ihre Geschichte. Sie wissen um stille, schreckliche Orte vor den Toren ihres Dorfes; Massengräber, über die grünes Gras gewachsen ist.

Die jüdischen Gemeinden und die Angehörigen der Roma-Minderheit gehörten einst zum Alltag in den Städten und Dörfern. Heute sind sie aus den meisten Orten verschwunden, und die Menschen dort leben nur noch mit dunklen Erinnerungen. Sie leben mit dem Wissen, dass ihre Eltern und Großeltern bei den Erschießungen assistieren, Gruben ausheben oder zuschütten, die Kleidung der Opfer sortieren oder für die Mörder kochen mussten. Diese Landschaften sind, wenn Sie so wollen, Topographien des Terrors.
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Meine Damen und Herren, hätte ich zu Anfang meiner Rede die Namen Auschwitz-Birkenau, Treblinka oder Sobibor aufgelistet – sofort hätten wir an den Holocaust der Vernichtungslager gedacht.

Diese Ausstellung wird dazu beitragen, dass die Namen Riga, Kiew, Odessa oder Chisinau nicht mehr nur für heutige Ereignisse und heutige Spannungen stehen. Sondern sie werden uns auch an den Holocaust der Massenerschießungen erinnern, und die vielen Schichten und Geschichten, auch die ethnischen Veränderungen und Verwerfungen, die zwischen damals und der heutigen Oberfläche liegen.

Zum ersten Mal sehen wir in Deutschland eine Ausstellung zu diesem Thema – dem vergessenen Holocaust, dem Holocaust durch Massenerschießungen. Ich danke den Ausstellungsmachern dafür. Denn als Außenminister bin ich sicher: Ohne das Bewusstsein um jene Schichten unter den Landschaften, können wir Deutsche – bei allem
ehrlichen Bemühen um Verständigung - dieser Region und der Rolle, die wir dort spielen, niemals gerecht werden!
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