Frankfurt : Ein Anschlag aus dem Nichts

Hessens Innenminister Rhein sieht kein Fehlverhalten der Sicherheitsbehörden. Der Attentäter von Frankfurt lebte unauffällig - am Donnerstagabend wurde gegen ihn Haftbefehl erlassen. Was trieb Arid U. zur Tat?

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Der Tatort lag im öffentlich zugänglichen Teil des Frankfurter Flughafens.
Der Tatort lag im öffentlich zugänglichen Teil des Frankfurter Flughafens.Foto: dapd

Es ist das eingetreten, was Sicherheitsexperten schon lange befürchten. Ein Einzeltäter, „blitzradikalisiert“ über den Konsum islamistischer Hetze im Internet, läuft los. Und tötet. Nachrichtendienste und Polizei ahnten nichts, weil der Instant-Dschihadist sich zuvor in der Öffentlichkeit kaum oder gar nicht bemerkbar gemacht hatte. Außerdem hat der Verfassungsschutz nur einen Teil der vielen islamistischen Chatrooms und Foren im Blick, zumal der Zugang angesichts diverser Verschlüsselungstechniken oft schwierig ist. Arid U. ist offenbar so ein Internetgewächs, einer der emotional aufgepumpten „homegrown terrorists“, die plötzlich und unerwartet zuschlagen. Folglich sieht Hessens Innenminister Boris Rhein (CDU) auch kein Fehlverhalten der Sicherheitsbehörden. „Das ist ein Attentat gewesen, das aus dem Nichts kam“, sagt er am Donnerstag in Wiesbaden. Der aus dem Kosovo stammende 21 Jahre alte Täter, mit einem Faible für Computerspiele, sei den Behörden bislang nicht aufgefallen. Am Donnerstagabend wurde gegen ihn Haftbefehl erlassen.

Die Durchsuchung seiner Wohnung und die Analysen des Profils von U. im Internet hätten ergeben, dass er sich in den letzten Wochen vor der Tat radikalisierte, sagt der Minister. „Es war der Anschlag eines Einzeltäters mit offenbar islamistischem Hintergrund.“ Erst vor kurzem habe sich der junge Mann den Kampfnamen „Abu Reyyan“ zugelegt. Unter dieser Bezeichnung habe er auf der islamistischen Internetplattform Dawa („Ruf“) mitgemischt, „wie Zehntausende andere auch“, sagt der Minister. Und Arid U. habe sich offenbar vom marokkanischen Prediger Sheik Abdellatif beeindrucken lassen, dem vorgeworfen wird, in Frankfurter Moscheen junge Männer für den Dschihad anzuwerben.

Ein persönlicher Bezug zu dem Sheik, der in der vergangenen Woche bei einer Razzia gegen islamistische Zirkel im Rhein-Main-Gebiet festgenommen worden war, sei bislang nicht erkennbar, sagt Rhein. Die erste Vernehmung habe ergeben, dass der Täter US-amerikanische Soldaten habe töten wollen. Dafür spricht auch der Verlauf des Anschlags. Der junge Mann hatte gezielt den leicht erkennbaren Bus der US-Army angesteuert. Dort luden Soldaten, die gerade vom Londoner Flughafen Heathrow gekommen waren und über die US-Basis Ramstein in Rheinland-Pfalz nach Afghanistan gebracht werden sollten, ihr Gepäck ein. Der Täter habe sich bei einem vor dem Bus stehenden Soldaten vergewissert, dass er es mit Angehörigen der US-Army zu tun hatte. Dann habe er diesen Mann erschossen, den Bus betreten, den Fahrer erschossen und zwei andere Insassen schwer verletzt, berichtet der hessische Innenminister. Möglicherweise habe eine „Ladehemmung“ der Tatwaffe, einer Neun-Millimeter-Pistole der Marke „Fabrik National“, ein noch größeres Blutbad verhindert.

Der Tatort lag im öffentlich zugänglichen Teil des Frankfurter Flughafens, der Täter war als Mitarbeiter der Post AG nicht im Sicherheitsbereich des Flughafens beschäftigt, musste sich also auch keiner Sicherheitsüberprüfung unterziehen. Die Waffe war illegal beschafft. Will heißen, es gab für die Behörden keinen Angriffspunkt, um den Anschlag zu verhindern. Allerdings deutet Innenminister Rhein am Donnerstag an, dass man mit den US-Behörden über eine bessere Sicherung der Truppenbewegungen über den Frankfurter Flughafen reden müsse.

Zu prüfen ist offenbar auch, ob die Sicherheitsbehörden die Beobachtung der islamistischen Szene in Deutschland noch verstärken müssen. Der Terrorexperte Guido Steinberg von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik hat mehrmals gefordert, die Anwerbung von V-Leuten im Milieu der extremistischen Frömmler zu intensivieren. Arid U., dessen Name in den Behörden am Mittwoch zunächst als „Arif U.“ gehandelt wurde, hatte seine Facebook-Seite unter anderem mit der von Pierre Vogel verlinkt, einem der seltsamen Stars der Salafisten, die ein Leben streng nach den Buchstaben des Korans verlangen. Der Ex-Boxer Vogel alias „Abu Hamsa“, ein deutscher Konvertit, hält feurige Predigten und beeinflusst vor allem junge Muslime.

Außerdem steht auf der Facebook-Seite von Arid U. der Name eines Predigers aus Berlin, der sich einst im Umfeld des terrorverdächtigen Tunesiers Ihsan G. aufhielt. Die Bundesanwaltschaft hatte G. vorgeworfen, er habe zum Beginn des Irakkrieges im März 2003 im Auftrag von Al Qaida Anschläge auf US-Einrichtungen verüben wollen. Das Berliner Kammergericht verurteilte G. im April 2005 zu drei Jahren und neun Monaten Haft. Nachdem er die Strafe verbüßt hatte, kehrte G. nach Tunesien zurück. Der Prediger aus dem Umfeld des Terrorverdächtigen ist jedoch weiter in Berlin aktiv und veranstaltet Islam-Seminare. „Das Gefährdungspotenzial des Salafismus besteht in seiner hochgradig radikalisierungsfördernden Wirkung“, warnte der Berliner Verfassungsschutz bereits 2009. Bei Arid U., so scheint es, hat der Salafismus gewirkt.

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