Frankreich : Atomstrom für den Wahlkampf

Ein bisschen atomkritischer sind die Franzosen geworden. Aber Sarkozy setzt mit seiner Verteidigung der Atomkraft immer noch auf Sieg. Und auch sein Herausforderer Hollande will kein Ende der Meiler.

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Punktesammeln mit dem Oldtimer: Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy zu Besuch in Frankreichs ältestem Atomkraftwerk im elsässischen Fessenheim.
Punktesammeln mit dem Oldtimer: Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy zu Besuch in Frankreichs ältestem Atomkraftwerk im...Foto: REUTERS

Um Pathos ist Nicolas Sarkozy selten verlegen. Aber wie sich Frankreichs Präsident am vergangenen Wochenende für die Atomindustrie seines Landes ins Zeug legte, das war schon bemerkenswert. Bei seinem Auftritt vor 50 000 Anhängern in der Nähe von Paris berichtete Sarkozy von seinem Besuch bei den Arbeitern im umstrittenen Kernkraftwerk Fessenheim an der Grenze zu Deutschland. „Dieser Besuch hat mich so bewegt wie kaum ein anderer“, erklärte der Staatschef. Die Arbeiter hätten ihn geradezu angefleht, das Kraftwerk nicht zu schließen. Eine Stilllegung von Fessenheim, des ältesten Kernkraftwerks in Frankreich, kommt für Sarkozy nicht infrage. Bei dem Wahlkampfmeeting schwor Sarkozy, „die französische Atomindustrie zu verteidigen“.

Sarkozy gibt im Wahlkampf den unbeirrbaren Kämpfer für die Kernenergie. Und weil er wie schon in seiner Präsidentschaftskampagne vor fünf Jahren auf eine deutliche Polarisierung zwischen dem eigenen konservativen Lager und den oppositionellen Sozialisten setzt, ist auch die Zukunft der Meiler in Fessenheim zu einem Wahlkampfthema geworden. Sarkozys sozialistischer Herausforderer François Hollande hat eine Schließung des Kraftwerks innerhalb der nächsten fünf Jahre angekündigt, sollte er demnächst Präsident werden. Sarkozy will hingegen nicht nur die 700 Arbeitsplätze in Fessenheim erhalten, sondern auch am französischen Energiemix nichts ändern. Wie kein anderes Land in Europa setzt Frankreich auf die Kernkraft. 75 Prozent des Stroms in dem Land stammen aus Atomkraftwerken.

In seinem Pro-Atom-Kurs kann sich Sarkozy auf Umfragen berufen, wonach auch ein Jahr nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima die Zustimmung zur Kernenergie unter den Franzosen überwiegt. Nach einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts Ifop lehnen nur 13 Prozent sie ab, 37 Prozent befürworten sie.

Dennoch bröckelt die Zustimmung im Nachbarland. Zwar ist die Ablehnung keineswegs so ausgeprägt wie in Deutschland, aber auch auf der anderen Seite des Rheins werden die Risiken der Nukleartechnologie immer mehr zum Thema. Am Jahrestag des Unglücks von Fukushima bildeten rund 60 000 Menschen eine Menschenkette im Rhônetal, um gegen die Atomkraft zu demonstrieren. Dass die Franzosen ihre wichtigste Energiequelle zunehmend infrage stellen, ergibt sich auch aus den Zahlen des Instituts für Strahlenschutz und nukleare Sicherheit (IRSN), das vom Umweltministerium finanziert wird. Jedes Jahr befragt das Institut die Franzosen, wie sie die Risiken der Atomkraft einschätzen. Und im vergangenen Oktober äußerten 18 Prozent der Befragten, dass die Technologie ihnen Sorge bereite – so viele wie nie seit dem Jahr 2000.

Wenn die Zukunft der Energieversorgung dennoch nicht die ganz großen Debatten in diesem Wahlkampf in Frankreich auslöst, so liegt das daran, dass es innerhalb der Opposition unterschiedliche Vorstellungen zur Atomkraft gibt. Während die Grünen nach deutschem Muster einen Ausstieg aus der Kernkraft innerhalb der nächsten 20 Jahre fordern, setzt Hollande im Großen und Ganzen weiter auf die Kernkraft. Allerdings soll deren Anteil an der Stromerzeugung bis 2025 auf 50 Prozent sinken, versprechen die Sozialisten. Ein endgültiger Ausstieg aus der Kernkraft ist mit der Parti Socialiste aber nicht zu machen, weil die Partei nicht zuletzt von der Unterstützung der Gewerkschaften im Energiesektor lebt.

Der Co-Vorsitzende der Grünen im Europaparlament, Daniel Cohn-Bendit, führt das fehlende Interesse der Franzosen an einer Energiewende nach deutschem Muster auf die weitverbreitete „Mär“ zurück, dass der Atomkurs Frankreichs Unabhängigkeit sichere. „Es ist sehr schwer, die Mehrheit der Parteien und der Gesellschaft davon zu überzeugen, dass es andere Formen der Unabhängigkeit geben kann“, sagte der Grünen-Politiker dem Tagesspiegel. Angesichts der festen Verankerung des Atomkurses in der Bevölkerung hält Cohn-Bendit die Bereitschaft der Sozialisten, Kernkraftwerke abzuschalten, immerhin schon für einen Anfang: „Die Reduzierung der Abhängigkeit von der Atomenergie ist der Beginn der richtigen Diskussion. Das wird in Frankreich länger dauern.“

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