Politik : Frankreich im Reformrausch (Kommentar)

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Im Grunde ist Frankreich ist ein traditionelles Land: Fast alle Politiker kommen aus der gleichen Eliteschule, Familien mit drei Kindern sind keine Seltenheit, und die Dörfer sind oft noch unverschandelt von hastiger Modernisierung. Regelmäßig gibt es dann einen Modernisierungsschub: So hatte Frankreich den Hochgeschwindigkeitszug TGV zehn Jahre, bevor der erste ICE in Deutschland fuhr. Derzeit liegt das Land im Reformfieber. Nach dem Gesetz, das gleichgeschlechtliche und unverheiratete Partner rechtlich fast dem Ehepaar gleichstellt, will der Staat jetzt die Frauen per Gesetz in die Politik katapultieren - vielleicht als Ausgleich dafür, dass Frauen in Frankreich erst spät, 1944, das Wahlrecht erhielten. 50 Prozent der Listenplätze in Parteien muss künftig an Frauen vergeben werden - sonst drohen Geldstrafen. Der Schönheitsfehler der ersten Entwürfe, dass Frauen kein Anrecht auf bestimmte Plätze haben und sich im Zweifel auf den hinteren, unsicheren Rängen wiedergefunden hätten, wurde teilweise beseitigt: Bei Senats- und Europawahlen müssen die Kandidaten nach dem Reißverschlussprinzip abwechselnd männlich und weiblich sein. Doch dann ist den ehrgeizigen Reformern die Puste ausgegangen: Bei den wirklich wichtigen Parlamentswahlen gilt das Prinzip nicht. Dort werden weiterhin nur 10 Prozent Frauen sitzen, womit die "grande nation" fast europäisches Schlusslicht ist. Damit gleicht das Gesetz einem Hochgeschwindigkeitszug, der zwischen bestimmten Bahnhöfen absichtlich langsam fährt.

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